Da ein Zehntelgramm Arsen tödlich wirkt, könnte man mit den mehr als 60 Tonnen des Schwermetalls, das in Pratteln am Rhein als Altlast im Boden liegt, 600 Millionen Menschen umbringen. Napoleon I. soll mittels des süsslichen Gifts ins Jenseits befördert worden sein. Den Aufklärer René Descartes – «Ich denke, also bin ich» – soll ein Priester mit einer vergifteten Oblate zur Hölle geschickt haben.

Arsen war ab dem zweiten Jahrhundert vor Christus ein Mittel der Glaubens- und Machtkämpfe. Es gab hohle Fingerringe, aus denen man das Gift dem Gegner unauffällig in den Wein kippen konnte. Dabei blieb der Mord unaufgeklärt, denn erst ab dem 19. Jahrhundert war der Stoff nachweisbar.

Das vormalige Erbschleichergift wurde zum Industrie-Rohstoff: Der Chemiker Ernst Karl Ferdinand Petersen verlegte 1862 seine Produktion des roten Farbstoffs Fuchsin in einen Teil der Fabrik des damaligen Salinendirektors Otto von Glenck an der Rheinlehne in Pratteln, weil er damit in Frankreich Patentschwierigkeiten hatte – in der Schweiz gab es dagegen noch kein Patentgesetz.

Zudem sei an seinem vormaligen Standort an der Seine die Strömung zu schwach gewesen, um die Abfälle mitzunehmen, während in Schweizerhalle der Rhein zügig floss, berichtet der heutige Eigentümer des Areals, Gérard Benone. Bei der Fuchsin-Produktion seien jährlich mindestens 4000 Tonnen Arsensäure zum Einsatz gekommen. 1868 kaufte Petersen die Fabrik ganz. Gegen Ende des Jahrhunderts zog er sich aus dem Geschäft zurück. Gemäss einer Broschüre des Bundesamts für Umwelt gab man 1908 die Fuchsinproduktion auf.

100'000 Kubikmeter Sondermüll

Zurück blieben ausser den 60 Tonnen Arsen auch Blei, Cadmium, Chrom, Kupfer, Nickel, Zink und Quecksilber im Boden, wobei man bei Abbrucharbeiten in den 50er-Jahren mit verschmutztem Schutt den Hang begradigte und so das Gift auf 30'000 Quadratmeter Fläche verteilte.

Untersuchungen des Baselbieter Amts für Umweltschutz und Energie (AUE) ergaben gemäss Bafu eine «erhebliche Kontamination des Untergrunds vereinzelt bis in zehn Meter Tiefe». AUE-Leiter Alberto Isenburg rechnet mit verschmutztem Erdreich in der Grössenordnung von 100'000 Kubikmeter.

Hinzu kommt, dass das Arsen wasserlöslich ist. Täglich werden zwischen 300 Gramm und 1,2 Kilo Arsen ausgewaschen. Dabei fliesst es zwar nicht direkt in den Rhein, sondern durch die Brauchwasserpumpen der Industrie in Schweizerhalle. Durch die grosse Menge – allein Cabb benötigt jährlich 15 Millionen Kubikmeter Brauchwasser – werde das Arsen aber derart verdünnt, dass die Grenzwerte für die Einleitung in den Rhein eingehalten würden, erklärt Isenburg.

Trotzdem: Die seit über einem Jahrhundert bestehende Situation an der Rheinlehne ist unhaltbar. Aufgrund der Schadstoffwerte wurde das Material aus den Probebohrungen als Sonderabfall klassiert: Die Sanierung ist dringlich. «Es handelt sich für den Kanton finanziell wohl um die grösste Altlastensanierung», erklärt Isenburg. «Grösser als jene der Muttenzer Feldrebengrube.»

Die Ausarbeitung des Sanierungsprojekts beginnt in den kommenden Wochen. «Geplant ist, den kontaminierten Boden auszuheben und zu entsorgen», sagt Isenburg. Ob man gegen den Rhein hin eine Spundwand errichten muss, ob der Abtransport per Schiff oder Bahn erfolgt, welche Sondermüllöfen im Ausland das Ziel sein werden – diese Details des Entsorgungswegs seien noch offen. «Doch wenn alles gut läuft, können wir im ersten Quartal 2018 mit den Arbeiten beginnen.» Diese würden wohl voraussichtlich zwei Jahre dauern. Erst dann könne Benone dort sein Bauprojekt von fünf Bürohäusern am Rhein (siehe Kasten) verwirklichen.

Die Kosten würden «nach heutigem Kenntnisstand zwischen 50 und 80 Millionen Franken» betragen. Da die Rotfarbenfabrik Petersens keine Rechtsnachfolger hat, die man als Verursacher haftbar machen könnte, muss der Kanton als Ausfallkosten zwischen 90 und 95 Prozent bezahlen. Davon werde der Bund aus dem dafür angelegten VASA-Fonds 40 Prozent übernehmen.

«Demnach zahlt der Kanton zwischen 30 und 48 Millionen», rechnet Isenburg vor. Die Mittel dafür seien Teil jener 82 Millionen, die der Kanton für rund 10 grössere Altlastensanierungen sowie weitere kleinere Fälle und mehrere Schiessanlagen zurückgestellt hat. Die Arsen-Sanierung – Isenburg bezeichnet sie als «keineswegs alltäglich» – dürfte also den Baselbieter Altlastentopf vorläufig zur Hälfte leeren.