«Die Werkstatt hat mein Vater 1946, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, eingerichtet. Sie präsentiert sich heute noch so wie früher. Hier fühle ich mich sehr wohl. Sie ist mein zweites Zuhause. Ich arbeite bereits über 40 Jahre als Töffli- und Velomechaniker. Und immer noch lerne ich jeden Tag Neues. Schon als Bub war ich oft in der Werkstatt und schaute jeweils meinem Vater zu. Ich bin damit aufgewachsen. Natürlich frisierte ich damals auch Töffli. Ich bin ausgebildeter Autolackierer. Töfflimechaniker kann man schon lange nicht mehr lernen.

Ich bin ein Tüftler

Ich bin 67-jährig und wäre pensioniert. Dass ich immer noch arbeite, hat mit meiner Kundschaft zu tun. Immer mehr Kunden kommen zu mir. Die Mund-zu-Mund-Reklame funktioniert gut; ich verzichte seit Jahren auf Werbung. Solange ich in der Lage bin, Töffli zu reparieren, tue ich das. Wenn ich aufhören, zu Hause bleiben müsste und nichts mehr machen könnte, würde mir das wehtun. Ich bin an meinen freien Tagen – auch sonntags –, wenn das Wetter schlecht ist, oft in meiner Werkstatt und schraube an Töffli herum. Ich bin ein Tüftler. Schon oft kam mir in einer schlaflosen Nacht ein Gedankenblitz. Und am folgenden Morgen in der Werkstatt löste ich das Problem. Mein Beruf ist mein Hobby – etwas Besseres gibt es nicht.

Früher reparierte ich ausschliesslich Töffli. Danach musste ich auf Velos umsatteln. Ich arbeitete mich rasch ein und machte auch das gerne. Der Wechsel war nötig, weil Töffli nicht mehr viel gebraucht wurden. Bus, Taktfahrplan und Helmobligatorium sorgten für diesen Umbruch. Die Jugendlichen fuhren vermehrt mit dem Bus zur Schule.

Im Moment flicke ich hauptsächlich wieder Töffli, aber die Arbeit ist komplexer geworden. Alte Puch oder Sachs, das sind bewährte Marken. Der Puch ist spitze und gilt als das Töffli schlechthin. Ältere und jüngere Leute fahren heute wieder vermehrt Töffli – mehr Männer als Frauen. Einen Einfluss hatte gewiss die Fernseh-Serie von 2013 mit den zwei Töffli-Buebe. Zudem hat vor ein paar Jahren die Bastelei an älteren Töffli einen Aufschwung erlebt.

Auch Velo-Kunden kommen immer wieder, seit Jahrzehnten und teils sogar von weit her: von Wintersingen über Langenbruck bis Laufen. Neue Kunden frage ich manchmal, weshalb sie zu mir kämen. Dann lachen sie und sagen: ‹Du bist bekannt.› Meine Lebenspartnerin Myriam Zimmermann ist mir eine wichtige Stütze. Sie ist die Frau für alles in meiner Werkstatt.

Alte Töffli repariere ich besonders gerne, lieber als ein Mountainbike jüngeren Datums. Zu neuen Modellen, die meist noch vollgefedert sind, fehlt mir die Beziehung. E-Bikes repariere ich nicht. Dazu fehlt mir die Erfahrung. Irgendwo muss ich einen Strich ziehen.

Grosser Fundus an Ersatzteilen

Von ausgemusterten Töffli habe ich die noch brauchbaren Teile entnommen und mir ein Ersatzteillager angelegt. Davon kann ich nun profitieren, wenn ich alte Töffli flicke, für die es keine Ersatzteile mehr gibt. Zum Beispiel alte Räder oder Nabenteile. Oder ich baue aus meinem Fundus ein Ersatzteil zusammen.

In meinem Lager bewahre ich unzählige Teile auf. Ich behalte alles im Kopf und schreibe nichts auf. In der Regel kann ich, wenn ich ein altes Teil brauche, dieses in meinem Kopf abrufen. Ich weiss ziemlich genau, was ich wo habe. Manchmal muss ich rasch die Treppe hoch ins Lager und nachsehen. Ersatzteile von neueren Modellen bestelle ich wöchentlich telefonisch bei meinem Hauptlieferanten, bei dem ich alles bekomme.

Ich musste schon Reparaturaufträge ablehnen, weil ich den Schaden nicht beheben konnte. Ich versuche zwar durchwegs, eine Lösung zu finden, aber es ist nicht immer möglich – wie kürzlich bei einem Sachs 502 aus den 1960er-Jahren, der ein Schaltproblem hatte.

Neue Töffli werden noch hergestellt: die zwei Produkte Pony, früher bekannt als Cilo, und Tomos. Heute gibt es Imitationen früherer Modelle, aber die sind qualitativ schlecht. Im Internet und überall werden Töffli angeboten und gekauft. 90 Prozent davon sind aber Müll. Das ist nicht empfehlenswert. Mit dem Profi, dem Töfflimechaniker, sind die Töffli-Liebhaber viel besser bedient.

Die meisten Reparaturen fallen an Getrieben und Zündungen an. Auch Kettenwechsel gibts oft. Hin und wieder muss ich Töffli ‹zwäg› machen, die total ungepflegt sind: keine Zahnkränze, alles abgelaufen. Das ist sehr aufwändig und kann mehrere Tage dauern. Ich kann das machen. Aber einer, der damit Geld verdienen will, kann es nicht. Oder es wird unbezahlbar.

Es gibt auch Arbeiten, die ich nicht so gerne verrichte. Wenn mir jemand ein Töffli bringt, das er schon auseinandergenommen hat. Und ich keine Anhaltspunkte habe, was alles fehlt. Dann wirds schwierig, und es kann sein, dass mir das fürchterlich über den Kopf hinauswächst. Aber ich höre erst auf, wenn das Töffli wieder läuft.

Nach meinem 65. Geburtstag reduzierte ich die Öffnungszeiten. Ich habe meine Werkstatt nur noch an drei Wochentagen offen. Seither arbeite ich nicht mehr unter Druck und lasse mir Zeit. Für mich war klar, dass ich weitermache. Ich kann nach so langer Zeit meine Kunden doch nicht einfach stehen lassen. Hingegen verkaufe ich seit zwei Jahren keine Töffli und Velos mehr. Und stolz darf ich sagen, dass ich nie Ladenhüter hatte.

Alle schätzen meine Arbeit

Während meiner ganzen Tätigkeit habe ich mir einen ansehnlichen Kundenstamm aufgebaut. Ich habe keine schlechten, nur gute und treue Kunden, die ich auch mit Namen kenne. Alle schätzen meine Arbeit und bedanken sich ausnahmslos.

Kunden verlor ich bloss, weil sie gestorben waren. Sie fehlen mir. Während Jahrzehnten kamen sie zu mir. In letzter Zeit suchen mich wieder jüngere Leute auf. Es gibt solche, die gar drei oder vier Töffli besitzen. Regelmässig haben sie eines bei mir zur Reparatur.

Ich habe vereinzelte Ausstellungs-Objekte, richtige Oldtimer-Töffli. Diese habe ich in vielen Arbeitsstunden aufgefrischt in den Originalzustand. Zum Beispiel einen alten Puch, den wir am 17. Juni 1966 verkauft haben. Der Kunde hat mir den Puch einige Jahre später zum Restaurieren geschenkt. Solche Modelle sind unverkäuflich.»

*Aufgezeichnet von Simon Tschopp