Die Erschütterung nach dem gewaltsamen Tod des bekannten Rünenberger Medienanwalts Martin Wagner am vergangenen Sonntag wirkt noch immer nach. Bei aller Verunsicherung, die eine solche Bluttat neben der Trauer mitverursacht, sollte etwas nicht vergessen werden: Morde und gewaltsame Tötungen stellen im Kanton Baselland noch immer die absolute, wenngleich tragische Ausnahme dar. Verhältnisse, wie sie beispielsweise in Venezuelas Hauptstadt Caracas mit fast 4000 Tötungsdelikten jährlich (oder 120 Getöteten auf 100'000 Einwohner gerechnet) herrschen, sind bei uns nicht einmal im Ansatz vorhanden.

Die bz ist ins Archiv gestiegen und hat alle gewaltsamen Tötungen im Landkanton in diesem Jahrzehnt herausgesucht. Diese Zusammenstellung fördert einige interessante Fakten zutage. Zuallererst: Die Aufklärungsrate beträgt in dieser Zeitspanne 100 Prozent. Alle Täterinnen und Täter aus den acht dokumentierten Fällen sind gefasst worden, sitzen in Haft, haben sich selber gestellt oder, wie im Fall Rünenberg, nach der Tat selber gerichtet. In zwei Fällen steht der Prozess noch aus. Im Jahrzehnt davor hatte dies noch ganz anders ausgesehen: Zwischen 1998 und 2009 kam in 14 Tötungsdelikten jeder zweite Täter, teils unerkannt, davon.

Für den Baselbieter Polizeisprecher Adrian Gaugler ist dies mehr oder weniger ein Zufall. Alle fatalen Delikte seit 2010 seien Beziehungsdramen gewesen oder hätten sich zwischen Personen abgespielt, die sich kannten. Da seien die Ermittlungen einfacher, als wenn sich Tötungen innerhalb von oder zwischen Ausländergruppierungen abspielten und die Täter sich ins Ausland absetzen könnten.

Dies führt zur zweiten Auffälligkeit: Nur in zwei von acht Fällen seit 2009 war der Täter ein Ausländer; und nur in einem Fall das Opfer. Tötungsdelikte im Baselbiet werden in der Regel von Schweizern an Schweizern begangen, wobei nur gerade in den beiden jüngsten Fällen die Tat mit einer Schusswaffe begangen wurde.

Im Detail liest sich die Übersicht über alle Baselbieter Tötungsdelikte in diesem Jahrzehnt wie folgt:

27. Juli 2010: In Münchenstein geschieht ein Tötungsdelikt auf offener Strasse. Ein 46-jähriger Türke ersticht im Streit einen 45-jährigen Tamilen. Der Täter wird 2014 in zweiter Instanz vom Baselbieter Kantonsgericht wegen Mord zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt.

24. Dezember 2010: Ein 46-jähriger Schweizer wird in Oberwil tot in seiner Wohnung aufgefunden. Im Zuge der Ermittlungen stösst die Polizei auf einen 37-jährigen Slowaken, der sich bei im Milieu angebandelten Opfern einschleicht, diese einschläfert und ausraubt; im Falle des gesundheitlich angeschlagenen Oberwilers mit fatalen Folgen. Im März 2011 wird der Täter in der Tschechischen Republik verhaftet und ausgeliefert. Das Baselbieter Strafgericht verurteilt ihn im Dezember 2012 wegen mehrfachen Raubs und fahrlässiger Tötung zu 9 Jahren Gefängnis.

21. September 2012:  In Frenkendorf wird eine 49-jährige Schweizerin leblos in ihrer Wohnung aufgefunden, die bereits seit rund zwei Wochen tot ist. Die Polizei geht von einem Beziehungsdelikt aus. Ihr Lebenspartner, ein 53-jähriger Pole, wird zehn Tage später in seinem Heimatland verhaftet. Er gesteht die Tat und wird vor ein polnisches Gericht gestellt, da ihn Polen nicht ausliefern will. Die Höhe der Strafe liess sich im Zuge dieser Recherche nicht in Erfahrung bringen.

26. November 2012: Eine 48-jährige Schweizerin stranguliert in Reinach ihre eigene Mutter. Das Motiv soll in den hohen Spielschulden der beiden Frauen gelegen haben, wie später vor Gericht bekannt wird. Im September 2015 wird die Täterin zu acht Jahren Gefängnis wegen vorsätzlicher Tötung und einer psychiatrischen Behandlung verurteilt.

30. April 2014:  Ein 55-jähriger Schweizer erwürgt in Aesch seine Schwester. Im Juni 2016 wird er zu 15 Jahren Freiheitsentzug wegen Mord verurteilt.

12. November 2015In Frenkendorf ersticht ein 63-jähriger Schweizer seine um ein Jahr ältere Ex-Freundin. Seither befindet er sich in Haft. Es stellt sich heraus, dass der Mann bereits wegen eines 1994 im Kanton Solothurn begangenen Doppelmords vorbestraft ist, aus der lebenslänglichen Haft jedoch vorzeitig entlassen wurde. Der Prozess vor dem Baselbieter Strafgericht findet am kommenden 25. April statt.

21. August 2017: In Laufen eskaliert ein Streit um eine Hanfanlage. In dessen Folge erschiesst ein 55-jähriger Mann einen 34-jährigen Schweizer. Der mutmassliche Täter, ein Schweizer, wird noch am selben Tag festgenommen und sitzt seither in Untersuchungshaft.

28. Januar 2018: In Rünenberg erschiesst ein 39-jähriger Schweizer den 57-jährigen Anwalt Martin Wagner und richtet sich anschliessend selbst. Die Behörden werden zu Beginn der kommenden Woche über die weiteren Untersuchungsergebnisse informieren. Sobald alle kriminalistisch relevanten Fragen geklärt sind, wird das Verfahren eingestellt, da der Täter nicht mehr am Leben ist.

Gibt es im Baselbiet eine Dunkelziffer an Morden, die von der Strafjustiz gar nicht als solche erkannt werden? Der Baselbieter Staatsanwaltschaftssprecher Michael Lutz verneint: «Selbstverständlich lässt es sich nicht mit absoluter Sicherheit ausschliessen, dass je ein Tötungsdelikt übersehen werden könnte. Jedoch würde ich selbst die theoretische Wahrscheinlichkeit hierzu als verschwindend klein einschätzen, um nicht gar von nicht vorhanden zu sprechen.» Laut Lutz sind in einem derartigen Ereignisfall stets derart viele Fachspezialistinnen und Fachspezialisten aus den Bereichen Polizei, Institut für Rechtsmedizin sowie der Staatsanwaltschaft vor Ort, dass ein «perfektes Verbrechen» wohl reine Fiktion bleibt.