Es ist die Horrorvorstellung aller, die Velo fahren: Unerwartet öffnet sich unmittelbar vor einem eine Autotüre, man kann nicht mehr bremsen und prallt ungeschützt hinein. Dieses Schreckensszenario ereignete sich am Mittwoch eins zu eins auf der General Guisan-Strasse in Arlesheim. Der Unfall kostete die 70-jährige Velofahrerin das Leben.

Sie ist seit August das dritte Velo-Todesopfer auf Baselbieter Strassen: Am 14. Oktober kam im Kreisel «Heiligholz» in Münchenstein ein 77-jähriger E-Bike-Fahrer unter die Räder eines 91-Jährigen. Und am 12. August kollidierte in Muttenz ein Lastwagen auf der Pantheon-Kreuzung beim Rechtsabbiegen von der Hofacker- in die Birsfelderstrasse so mit einem Velofahrer, dass dieser noch auf der Unfallstelle starb.

Unfallort Heiligholz-Kreisel: Man kann von Süden praktisch ungebremst in die Emil Frey-Stasse durchfahren.

Unfallort Heiligholz-Kreisel: Man kann von Süden praktisch ungebremst in die Emil Frey-Stasse durchfahren.

Selbst wenn diese tragische Unfallhäufigkeit Zufall sein sollte: Sie fällt auf, denn schweizweit hat im ersten Halbjahr die Zahl der getöteten Velofahrer abgenommen. 2011 und 2012 gab es im Baselbiet keine tödlichen Velounfälle mit Autos, 2013 einen vor einem Wohnhaus in der Hofackerstrasse in Muttenz. Insgesamt ist die Tendenz der Velounfälle in den letzten Jahren sinkend: Gab es 2011 83 verletzte Velofahrer im Baselbiet, so waren es 2012 deren 71 und 2013 noch 67. Leicht steigend ist allerdings die Zahl der Schwerverletzten: Von deren 20 im Jahr 2011 stieg sie auf 22 im Jahr 2013.

Kein eindeutiges Unfall-Muster

An allen drei Unfällen waren Autos beteiligt. Dabei ist aber kein eindeutiges Muster erkennbar: Die Autotüre öffnete ein Fahrer in Arlesheim auf der General Guisan-Strasse, einer Quartierstrasse mit Einbahnverkehr. «Möchte man solche Unfälle ausschliessen, müsste man darüber diskutieren, dass auf Strassen generell nicht mehr parkiert wird», kommentiert Roland Chrétien, Geschäftsführer Pro Velo beider Basel, und gibt zu verstehen, dass er dies aktuell für nicht realistisch hält.

Kritischer sieht er die Bauweise der Strassen bei den anderen Unfallstellen dieses Jahres: Sehr viele Velofahrer würden sich im Kreisel falsch verhalten: «Statt in der Mitte der Fahrbahn zu fahren, halten sie sich ganz rechts und werden dort oft übersehen – mit fatalen Folgen.» Die Scheu, die Fahrbahnmitte zu beanspruchen sei umso grösser, je schneller ein Kreisel befahren wird. So ist der Heiligholz-Kreisel in Münchenstein von Reinach her nach Norden – in dieser Richtung fuhr der Unfallwagen – relativ geradlinig und somit in flottem Tempo befahrbar. «Die Norm wäre eigentlich, dass eine Strasse rechtwinklig in einen Kreisel einmündet, damit alle die Geschwindigkeit reduzieren müssen.» Auch bei der Pantheon-Kreuzung in Muttenz seien die Ecken so weit abgerundet, dass man mit relativ hoher Geschwindigkeit abbiegen kann, erklärt Chrétien. «Dies erhöht die Gefahr.» Allerdings verweist der Baselbieter Polizeisprecher Meinrad Stöcklin darauf, dass 2013 die Zahl der Unfälle mit Zweirädern um 25 auf 177 abgenommen hat. «Damit wurde nach den drei vergangenen Jahren erneut ein Tiefststand erreicht.»

Bessere Infrastruktur gefordert

Wären Unfälle zu vermeiden, wenn Velofahrer auf dem Trottoir fahren dürften? Chrétien hält es für sinnvoll, dass das Velofahren auf dem Trottoir nicht erlaubt ist: «Muss ein Velofahrer trotzdem aufs Trottoir ausweichen, weiss er, dass er im Unrecht ist, und verhält sich gegenüber den Fussgängern entsprechend rücksichtsvoller.» Zudem sei die Gefahr durch Autotüren auf dem Trottoir noch grösser. Etwas anderes seien Hauptverkehrsstrassen, auf denen die Autos mit Tempo 60 und mehr fahren und das Trottoir oft menschenleer ist.

Grundsätzlich gelte: «Die Unfallursache ist, dass Autos und Velos gemischt auf der Strasse unterwegs sind.» Trennt man den Velo- vom Autoverkehr, müsse man dies aber so konsequent wie in Holland machen und beispielsweise in Kreiseln den Velos den absoluten Vortritt geben. Eine schlechte Trennung wie in Deutschland, wo es an den Knotenpunkten dann doch zu Kollisionen kommt, sei keine Lösung.

«Verglichen mit den Niederlanden ist in der Schweiz die Velo-Infrastruktur schlecht.» Dies führe dazu, dass hier vergleichsweise wenig Velos benutzt werden. «Ist der Veloanteil am Verkehr grösser, entwickeln auch die Autofahrenden ein anderes Bewusstsein: Einerseits rechnen diese permanent mit Veloverkehr, andererseits sind sie auch selber oft mit dem Velo unterwegs und kennen die Perspektive der Velofahrenden.»