An ihrem 33. Geburtstag durfte Fabienne Peter das Spital verlassen. Das war am vergangenen Mittwoch. Der Eingriff war sozusagen ein Geburtstagsgeschenk. Jetzt muss sie sich ein paar Wochen schonen, dann kann sie wieder aufs Eis. Ende Monat wird sie erstmals bei einem Ernstkampf der Frauen des Eishockeyclubs Basel mitspielen.

Die geschlechtsangleichende Operation hätte es dafür nicht gebraucht: Ein tiefer Testosteronwert reicht, um als Transfrau bei den Frauen spielen zu dürfen. Fabienne Peter hatte ein entsprechendes Gesuch gestellt, diese Zeitung hatte ihren Erfolg publik gemacht. Plötzlich interessierte sich das ganze Land für Fabienne Peter. Alle berichteten über den Hormonwert, den eine Frau nicht überschreiten darf, um in der Frauenmannschaft spielen zu dürfen. Es schien, als ob Eishockey das Einzige im Leben dieser Frau wäre. Ist es nicht. Die Baselbieterin hat Familie, ist Lehrerin, fährt Snowboard. Im Juni hat sie zudem die höchste Transformations-Hürde genommen. Der jüngste Eingriff war vergleichsweise klein.

«Ich fühle mich mega-wohl in meinem Körper», sagt sie. «Diesen Sommer ging ich erstmals so richtig gern ins Schwimmbad.» Im Bikini statt in Shorts. Mit langem Haar, einer Lockenpracht, die sich so manche Frau wünscht. Und Bodymassen, die so manche Frau verleitet, zu sagen: «Iss mal ein bisschen mehr.»

Es gab schon Leute, die Fabienne Peter mit Julia Roberts verglichen haben. Doch eine «Pretty Woman» wollte Fabienne Peter nie sein, einfach nur «Woman» hätte gereicht.

Im Pass steht Fabienne, «m»

Jetzt fehlt nur noch das «w» im Pass – oder anders gesagt: Das «m» muss weg. Im Vergleich zum Namenswechsel eine grössere Sache, die vor Gericht eingefordert werden muss. Wenn das erledigt ist, ist Fabienne Peter auch auf Ämtern, was sie innerlich immer war: eine Frau.
Das mag klingen wie in einem Märchen. Doch Fabienne Peter musste 33 Jahre alt werden, um leben zu können, wie sie will.

Ein Abend, Anfang der Neunzigerjahre. Fabienne Peter, damals noch «C», geht in die Primarschule. Ihre Eltern, der kleine Bruder und sie sind bei Freunden eingeladen. Die Tochter der Familie und «C» zeichnen. Als die Erwachsenen die Bilder sehen, reagierten sie irritiert.

Buben zeichnen keine Models

«Ich war stolz auf die Zeichnungen, diese kamen aber nicht so gut an», sagt Fabienne Peter. Das Mädchen und sie hatten Models in Röcken und mit Highheels gezeichnet. Damals hatte Fabienne Peter noch keine Ahnung, was sie von anderen Jungs unterscheidet. Und warum diese Zeichnung ein Problem sein sollte. Sie war ein Bub, der gern mit Mädchen spielte. Schwul? Das konnte sie bald ausschliessen.

Transmenschen werden häufig nach dem «Aha-Erlebnis» gefragt. Ein Solches gibt es meistens nicht. Auch bei Fabienne Peter nicht. Wegen ihrer Geschlechtsteile wurde sie als Baby dem männlichen Geschlecht zugeordnet und entsprechend sozialisiert. Niemand merkte, dass sie schon damals einen sehr tiefen Testosteronwert hatte. Sie war äusserlich ganz Mann, innerlich jedoch kaum. Bis sie das realisierte, dauerte es. Da macht es nicht eines schönen Tages plötzlich «Klick».

Die Summe kleiner Dinge führte zur Erkenntnis. Viele davon hat Fabienne Peter zusammen mit ihrer Freundin, die inzwischen ihre Ehefrau ist, entdeckt und ausgelebt. Die beiden sind noch zusammen. Sie sind jetzt ein lesbisches Paar mit zwei Kindern. Das waren sie teilweise auch schon, als Fabienne Peter noch in einem Männerkörper steckte. Wenn auch nur heimlich.

Perücke, Schminke, Schuhe

«Wir gingen manchmal beide als Frauen in den Ausgang», sagt sie. Als ihre Frau in einer Bar mal kurz an die Luft ging und ein Kerl Fabienne Peter anbaggerte, war sie glücklich. «Die Anmache war der Beweis, dass ich als Frau wahrgenommen werde», sagt sie. Die Perücke fiel nicht auf, sie war gut geschminkt und weiblich gekleidet, vor allem die Schuhe. Den Kerl liess sie abblitzen und verbrachte den Abend mit dem Menschen, den sie liebt. Den sie einst als Mann im Anzug heiratete, um «nicht aufzufallen».

Und inzwischen nötigen muss, mit ihr shoppen zu gehen. Sie lacht. «Meine Frau shoppt ungern, ich hingegen kann stundenlang durch Läden streifen.» Schon früher hätten Freunde gesagt, die Rollenteilung sei verkehrt in dieser Ehe. Inzwischen braucht es keine Rollen mehr. Die Kinder spielen in der Freizeit neuerdings mit dem Mami Eishockey und nicht mehr mit dem Papi. Mit Rollen hat das wenig zu tun. Fabienne Peter ist nicht die einzige Eishockeyspielerin. «Schon als Mann suchte ich mir im Sport meistens weibliche Vorbilder.»

Die Kinder kämen mit der Situation gut zurecht, Fabienne Peter hält sich aber mit dem Thema zurück. «Ich will sie aus den Medien raushalten.» Nur das: Ein Kind fragte vor zwei Jahren: «Gehört die Perücke im Kasten dir?» Da war für sie klar: «Ich muss etwas ändern. Ich will mich nicht mehr verstecken.»

Es musste ein 80er-Name sein

In der Ehe war das Thema auf dem Tisch, seit sich die beiden in jungen Jahren bei einer gemeinsamen Schreinerlehre verliebten. Die Ehefrau unterstütze ihren Mann bei seinem Vorhaben, ihre Frau zu werden. Und Eltern, Freunde, Nachbarn? Fabienne Peter denkt nach: «Es gab wirklich keine negativen Reaktionen, im Gegenteil, unser Freundeskreis ist gewachsen.»

Manche Freunde kennen sie nur als Fabienne. Diesen Namen trägt sie erst seit Kurzem. «Auch andere Namen hätte mir gefallen. Ich wollte aber einen für mein Geburtsjahr typischen Namen», sagt sie. «Fabienne passt zu mir.» Ihrer Mutter rutsche ab und zu noch der «C»-Name heraus, «aber nur, wenn sie ernst ist». Fabienne Peter lacht.

Sie ist ein fröhlicher Mensch, aufgeschlossen. «Früher war ich zurückhaltender.» Weil da etwas war – oder eben nicht war. Ein Geheimnis, dem sie selber zuerst auf die Spur kommen musste.