Eigentlich könnte Sterbebegleiterin Erika Preisig aufatmen. Nachdem der Präsident des Baselbieter Apothekerverbands vergangene Woche in der bz sagte, dass aus seiner Sicht Apotheken nach wie vor das Sterbemittel Natrium-Pentobarbital (NaP) an Preisig herausgeben dürften, schrieb die Biel-Benkemer Hausärztin nochmals alle Apotheken an. Und siehe da: Eine Einzige erklärte sich bereit, das NaP zu beschaffen. Das sagte Preisig heute Mittwoch auf Anfrage.
Damit könnte es wider Erwarten doch noch mit Preisigs nächster Sterbebegleitung klappen: Eine 92-jährige Frau ist bereits aus Frankreich angereist. Morgen Donnerstag soll der begleitete Freitod stattfinden. «Ich glaube fest daran, dass es klappt», sagt Preisig. Sicher ist es allerdings nicht. «Definitiv ist es erst, wenn die Apotheke das NaP auch wirklich aushändigt.» Den Namen der Apotheke möchte Preisig nicht offenlegen - und das hat einen Grund: Es ist unklar, inwiefern das angepasste Vorgehen, das die Sterbebegleiterin nun beschlossen hat, genügend offiziell abgesegnet ist. Weder die Staatsanwaltschaft Baselland (Stawa) noch das Heilmittelinstitut Swissmedic stellten eine schriftliche Bestätigung aus. Es ist also offen, ob es wirklich dem Schweizer Heilmittelgesetz entspricht und ob die von der Stawa geführte Strafuntersuchung tangiert wird.


Jetzt holt die Tochter der Patientin das NaP


Und das plant Preisig: Statt wie bisher selber als Ärztin das Rezept für das NaP auszustellen, es in der Apotheke gegen das Gift einzulösen und es dann auch gleich selbst dem Patienten zu verabreichen, ändert Preisig im Ablauf einen entscheidenden Punkt. Morgen soll entweder die 92-jährige Patientin selbst mit dem Rezept bei der Apotheke vorbeigefahren werden und das NaP abholen oder eine Vertrauensperson wie etwa ein Familienmitglied tut dies mit einer schriftlichen Vollmacht. Am wahrscheinlichsten ist laut Preisig, dass die Tochter der Patientin in die Apotheke gehen werde, da es ihrer Mutter körperlich nicht mehr zuzumuten sei. So sind nicht mehr alle Handlungen aus einer Hand, was Swissmedic bisher eben als besonders «heikel» bezeichnet hatte. Auch die Forderung einer schriftlichen Vollmacht wäre erfüllt.


«Ob es sicherer ist, wenn eine betagte und kranke Frau oder eine private Vertrauensperson das NaP abholt anstatt ich als Ärztin, kommentiere ich nicht. Aber ich bin zu allen Anpassungen bereit, solange ich damit den Wunsch meiner Patienten erfüllen kann», sagt Preisig. Dass sie nun aber dennoch keine offizielle Bestätigung durch die Behörden erhält, frustriert sie zutiefst. «Stawa und Swissmedic spielen sich gegenseitig den Ball zu, niemand will die Verantwortung übernehmen.»
Wobei: Immerhin Kantonsapotheker Hans-Martin Grünig hat Preisig schriftlich bestätigt, dass ihr neues Vorgehen korrekt ist. «In Sachen Arzneimittelsicherheit kann ich voll hinter Erika Preisigs neuem Ablauf stehen», sagt Grünig auch zur bz. Aus seiner Sicht könnte auch Preisig weiter selbst mit einer Vollmacht das NaP abholen, doch verstehe er, dass sie wegen des laufenden Verfahrens vorsichtig sei.

Stawa will erst alles seriös prüfen


Trotz dieser Rückendeckung bleibt Preisig unsicher. Die Erste Staatsanwältin Angela Weirich habe nämlich eine schriftliche Bestätigung der Rechtskonformität durch Swissmedic gefordert. Swissmedic habe ihr jedoch mitgeteilt, dass das Institut keine verbindliche Stellungnahme abgeben könne, da die kantonalen Behörden - also der Kantonsapotheker - für die Überwachung der Abgabe und Anwendung von Arzneimitteln zuständig seien. Auf Nachfrage der bz bestätigt Swissmedic diese Haltung.
Die Staatsanwaltschaft hingegen widerspricht Preisig. «Niemand verbietet Frau Preisig, weiter NaP zu beziehen», sagt Sprecher Nico Buschauer. Staatsanwältin Weirich habe erst nach mehrfacher Nachfrage von Preisigs Anwalt an Swissmedic verwiesen, da sie selbst in den Ferien weilte. Buschauer: «Frau Weirich will sich jetzt nach ihrer Rückkehr seriös mit dem Fall beschäftigen und hat eine Klärung für kommende Woche in Aussicht gestellt.» So lange könne die Stawa das neue Vorgehen Preisigs nicht beurteilen.
«Jetzt weiss ich nicht, welches Verhalten rechtskonform ist und bringe damit mich und meinen Apotheker in Gefahr», hadert Preisig. Die Sterbebegleitung werde sie morgen dennoch durchführen. Wie üblich werden Stawa und Polizei danach vor Ort den Ablauf überprüfen – dann klärt sich, ob Preisig zu hoch gepokert hat.