Die Nadel von Liestal. Was der Niederdörfer Architekt Bernhard Bossard (65) im Sommer 2016 in der bz als Vision präsentierte, war für viele nicht mehr als ein Furz. Doch das skizzierte, feingliedrige, 187 Meter hohe Hochhaus auf der Südseite des Liestaler Bahnhofs bescherte Bossard ein enormes Echo. Besonders erfreulich für ihn: Es meldeten sich auch zwei potenzielle Investoren und ein renommiertes Ingenieurbüro, das sich für die Gestaltung der energetisch zukunftsweisenden, thermischen Fassade interessierte. Das gab Bossard Auftrieb und er arbeitete auch mithilfe von andern Architekten am Projekt weiter.

Von der Nadel ins Stedtli oder zum Bahnhof auf attraktiven Fusswegen.

Von der Nadel ins Stedtli oder zum Bahnhof auf attraktiven Fusswegen.

Heute ist die Nadel kein isoliertes Einzelstück mehr, sondern eingebettet in ein ganzes Konzept. Bossards Credo dabei: «Die Liestaler Bahnhofplanung ist vom Feinsten, aber sie spinnt den Faden aus dem 19. Jahrhundert weiter: auf der Nord-Seite die Paläste, auf der Südseite das schäbige Ambiente der Proleten und Kleinhandwerker ohne Lobby.» In der heutigen Zeit sei eine solche Bahnhofrückseite «beschämend» und mit dem Gleisausbau bestehe «die historische Chance», das zu ändern. Bossards Ansatz heisst: An die überarbeitete, inzwischen 202 Meter hohe und auf 120 Millionen Franken projektierte Nadel schliesst in Richtung Bahnhof ein tiefer gelegter Platz an, der von der Oristalstrasse überquert wird (siehe Plan). Von diesem Platz gelangt man direkt zur Fussgänger-Unterführung, die sich vor dem Palazzo teilt. Ein Strang geht zum Bahnhof, der andere führt weiterhin unterirdisch bis zur neuen Post und mündet dort direkt aufs geplante, aber noch nicht beschlossene Elefantenbrücklein über die Allee ins Stedtli.

Bossards Unterführungsvorschlag ist um einiges attraktiver als die geplante SBB-Variante, die ihrerseits schon eine klare Verbesserung gegenüber der heutigen Situation darstellt. Bossard kommentiert: «Mein Vorschlag gibt diesem Unort Würde. So muss nicht ein Drittel der Liestaler Bevölkerung aus dem Oris- und Sichtern-Quartier wie Maulwürfe unten durch.» Der Architekt hat noch weitere Pfeile in seinem Planungsköcher. So will er ein eigenes Parkhaus mit 230 auch öffentlichen Plätzen neben seiner Nadel bauen, das das geplante der SBB ersetzen könnte. Ein öffentlicher Park als Deckel über dem Parkhaus soll das Gebiet aufwerten.

Bevölkerung soll aufbegehren

Bossard hat mittlerweile auch seinen Nachbarn an der Oristalstrasse an Bord geholt. Doch um all seinen Plänen einen realeren Boden zu geben, bräuchte er auch noch die an des Nachbars angrenzende Parzelle. Und die gehört den SBB. Damit sind wir bei Bossards grösstem Problem: Er ist mit seinem Projekt sehr spät dran. Denn gegenwärtig läuft die Planauflage der SBB für den Vierspurausbau und diverse Elemente dieses 356 Millionen Franken schweren Riesenprojekts sind nicht mit Bossards Plänen kompatibel.

Er sagt dazu: «Es braucht einen würdigen Südabschluss. Mein Konzept erfüllt das und tangiert den direkten Gleisausbau der SBB nicht. Ansonsten braucht es halt seitens der SBB etwas geistige Flexibilität.» Bossard hat im Frühling sein Projekt den SBB – und zuvor auch dem Liestaler Stadtrat sowie dem Kanton – vorgestellt. Die SBB hätten nicht direkt Nein gesagt. Bossard kämpferischer: «Jetzt muss ein Ruck durch die Liestaler Bevölkerung und sich ein Komitee für die Aufwertung der Bahnhof-Südseite bilden. Sonst ist die Nadel wahrscheinlich gestorben.»