Im Winter 2005 fing es an – und wiederholte sich mit schöner Regelmässigkeit: Kaum hatte der Frost die Schweiz ein paar Tage fest im Griff, vermeldeten die Schweizer Rheinsalinen einen Salzmangel. Die Speicher waren leer, die Winterdienste mussten mit dem Streugut haushälterisch umgehen, um wenigstens die wichtigsten Strassen salzen zu können. Die Inbetriebnahme eines riesigen Salzdoms in Rheinfelden im Jahr 2012 schuf endlich genügend Lagerkapazität, um auch für härtere Winter ausreichend Salz bereitzustellen.

Fehlplanung bei den Rheinsalinen

Jetzt zeigt sich: Salz ist genug da – aber bei den Rheinsalinen läuft man trotzdem am Anschlag. Diese Woche liess das Unternehmen verlauten, dass «die Grenzen der Verladekapazität zeitweilig erreicht werden». Man habe einen 24-Stunden-Verladebetrieb einrichten müssen, um der grossen Nachfrage gerecht zu werden. «Trotz Mehraufwand steht nicht mehr Personal zur Verfügung. Da ist von allen ein Sondereffort gefordert», sagte Verkaufsleiter Carlo Habich in der Aargauer Zeitung. Und jammerte: «Es geht an die Substanz. Irgendeinmal werden auch wir müde. Kommt es zu einer Entspannung, sind sicher alle froh.»

Dabei sind die Rheinsalinen an ihrer Überlastung selber schuld. «Wir haben zuerst eines der beiden grossen Lager vollständig geleert – und damit fiel für uns die dortige Verladestation weg. Wir müssen den ganzen Verlad über das zweite Lager abwickeln», sagte Habich am Donnerstag auf Anfrage der AZ. Man habe überlegt, wieder Salz aus dem vollen in das leere Lager zu transferieren, aber das sei zu aufwändig.

Die Rheinsalinen haben sich also selber ein Bein gestellt – «Aber wir ziehen unsere Lehren daraus», sagt der Verkaufsleiter. Das neue Salzlager sei erst gerade in Betrieb genommen worden, die Erfahrungen fehlten. Im nächsten Jahr will man laut Habich beide Lager gleichmässig anzapfen.

Das Wetter soll schuld sein

Die Rheinsalinen haben das Salzmonopol in der Schweiz: Nur sie dürfen Salz produzieren und importieren. Mit Ausnahme des Kantons Waadt, der in Bex seine eigene Saline betreibt, sind alle Kantone an den Rheinsalinen beteiligt. Will beispielsweise eine Gemeinde im Ausland Salz kaufen, braucht sie eine Bewilligung. Dafür müssen die Rheinsalinen im Rahmen ihres Versorgungsauftrags sicherstellen, dass sie die Schweiz beliefern können.

In den vergangenen Wintern gaben die Rheinsalinen jeweils dem Wetter die Schuld dafür, dass sie dieser Verpflichtung nicht nachkommen konnten: Man habe nicht mit mehreren harten Wintern hintereinander gerechnet, die Zeit dazwischen sei zu knapp gewesen, um die Salzlager zu füllen. Auch dieses Mal sehen die Rheinsalinen das Problem nicht nur bei sich, sondern schieben den schwarzen Peter Petrus zu: «Die Wettersituation in der ganzen Schweiz war wochenlang extrem», sagt Habich. «Das Wallis hat zum Beispiel gigantische Salzmengen bestellt, und auch in Regionen, die sonst wenig Salz brauchen, war der Bedarf in diesem Winter riesig.»

Kunden üben Druck aus

Einen Teil der Verantwortung für die chaotischen Zustände sieht Habich bei seinen Kunden: «Einige haben darauf spekuliert, dass der Winter nun vorbei ist und sie im April dann zu günstigeren Preisen ihre Lager auffüllen können.» Diese Verbraucher seien vom erneuten Schneefall überrascht worden und hätten vehement auf unmittelbaren Salzlieferungen bestanden. Habich: «Ich habe noch nie erlebt, dass so kompromisslos Salz eingefordert und so grosser Druck auf uns ausgeübt wird.»

Eigentlich sollten die Rheinsalinen diesen Ansprüchen aber seit der Eröffnung des zweiten Salzlagers im letzten Jahr gerecht werden können. So sagte Direktor Jürg Lieberherr bereits 2011 den Medien: «Entscheidend ist die schnelle Verfügbarkeit sehr grosser Mengen, was eine verbrauchernahe Lagerung und eine Hochleistungslogistik für Verlad und Transport bedeutet.»