«Die Schweizer Wirtschaft braucht ein internationales Umfeld, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Weil das Potenzial im Inland nur klein ist, braucht man Märkte im Ausland», erklärte Bundesrat Ueli Maurer am «Tag der Wirtschaft» der Wirtschaftskammer Baselland. Mit keinem Wort erwähnte er, dass es seine Partei, die SVP, war, welche die Masseneinwanderungsinitiative (MEI) lancierte. Vielmehr bezeichnete er die MEI als «Frühwarnsystem». Die Bevölkerung müsse die Internationalisierung der Wirtschaft mittragen, «sonst wirft sie Knebel zwischen die Beine».

Gesellschaft wendet sich ab

Der Anlass in der St. Jakobshalle stand unter dem Titel «Erfolgsfaktor Internationalisierung». Vor rund 2800 Gästen erklärte der Baselbieter Finanzdirektor Anton Lauber: «Offene Märkte, Freihandel und Globalisierung fördern den Wohlstand in unserem Land. Tragendes Element des Wohlstands sind internationale Märkte.» Auch Wirtschaftskammerdirektor Christoph Buser betonte: «Der künftige Wohlstand der Schweiz hängt davon ab, ob wir uns mit den ausländischen Partnern gut arrangieren können.» Die Baselbieter Wirtschaft sei immer noch zu stark binnenorientiert. «Doch die Unternehmen haben erkannt: Internationalisierung ist eine Chance.» Dann folgte das grosse Aber: «Entscheidend ist aber die gesellschaftliche Akzeptanz. Man muss alle Bevölkerungs-Segmente an Bord haben, wenn man auf diesem Weg weitergehen will.»

Das hat die Wirtschaft aber nicht: Maurer verwies auf den Ausgang der US-Wahlen und auf die Brexit-Abstimmung: «Ein Teil der Bevölkerung hat Angst vor Jobverlust. So werden die Orientierung auf den Nationalstaat und der Protektionismus zum Gegenpol der Globalisierung, die nicht mehr überblickbar ist.»

Auf die Schweiz bezogen erklärte er: «Wirtschaft ist keine Einbahnstrasse. Export bringt auch Import. Doch durch die Internationalisierung sind wir immer mehr zum Spezialisten geworden.» Dies berge die Gefahr der Deindustrialisierung. «Wir benötigen aber eine diversifizierte Volkswirtschaft. Auch manuelle Arbeitsplätze sind nötig.» Da müsse man ein Gleichgewicht anstreben, damit langfristig die Vollbeschäftigung erhalten bleibe.

Den Weg des Protektionismus lehnte Maurer aber ab. Dieser führe bloss zu Diskriminierungen.

Frauen bleiben aussen vor

Der auf Freihandel und internationale Märkte orientierten Wirtschaft ist also der Rückhalt in der Gesellschaft abhandengekommen, wobei Maurer das Gleichgewicht wieder herstellen will, indem man in der direkten Demokratie auf die Bevölkerung hört. Zudem sei die Unternehmenssteuerreform III entscheidend: «Die Schweiz hat hohe Löhne und einen starken Franken, da müssen die Steuern günstig sein, um exportieren zu können.»

Dem stimmte Buser zu, doch mit einem Videoclip «Das Ausland ruft» setzte die Wirtschaftskammer andere Akzente. Auch kleine Unternehmen müssten die Haltung, der Schritt ins Ausland gehe nicht, überwinden. Ohne Mut wäre kein Mensch zum Mond geflogen. Die Politik müsse mehr Inspiration bieten.

Dann aber schlichen sich doch leicht protektionistische Töne in Busers Rede: Bei Submissionen solle man in der Schweiz nicht den Musterschüler spielen, sondern lernen, eigene Interessen einzubringen. Im Klartext: Die öffentliche Hand soll bei der Auftragsvergabe heimatliche Unternehmen stärker berücksichtigen. Andererseits müsse der Kanton sich international besser darstellen, beispielsweise indem zumindest ein Teil der Kantons-Website auch in Englisch abrufbar wird.

Christoph Mäder, Geschäftsleitungsmitglied Syngenta, griff den Trend zum Protektionismus auf: «Sollte Trump die USA zu stark abschotten, wird er bald ein Feedback aus den eigenen Reihen bekommen», orakelt er.

Damit es in der Schweiz nicht auch zu einem solchen Backlash wie in den USA kommt, sah er wie Maurer die Notwendigkeit, die Balance zu finden. «Die Wirtschaft hat zu wenig Rücksicht auf lokale Verantwortung und Identität genommen. Da braucht es mehr Bescheidenheit. Auch die Rückkehr zu gesundem Menschenverstand würde etwas helfen.»

An dem an diesem Abend viel zitierten, abhandengekommenen Rückhalt änderte allerdings auch die Wirtschaftskammer nichts: Die Hälfte der Bevölkerung kam nicht vor, keine einzige Frau kam zu Wort, der Tag der Wirtschaft blieb eine reine Männer-Veranstaltung.