Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich eine kleine Revolution ereignet, die gerade alle Alters- und Pflegeheime des Landes wachrüttelt. Still und leise Anfang Jahr aufgeschaltet, listet die Internetseite www.orahou.com über 1500 Schweizer Altersheime auf. Sie können nach Kantonen sortiert und nach diversen Kriterien gefiltert werden. Doch Orahou – der Begriff steht auf Maori für «Neues Leben» – ist weit mehr als eine online abrufbare Heimliste. Und genau deshalb formiert sich in der Branche gerade massiver Widerstand.

Orahou ist ein Vergleichsportal. Es erinnert in seinem Auftritt an Websites für Hotelbuchungen. Ins Auge stechen vor allem zwei Dinge: Zahlen und Sterne. Das Portal listet nämlich auch die Kosten auf, die ein Heimbewohner für Hotellerie und Betreuung pro Tag selbst zahlen muss – sofern er keine Ergänzungsleistungen (EL) bezieht. Im Gegensatz zu den Pflegekosten, die für Heimbewohner auf 21.60 Franken pro Tag gedeckelt sind, gibt es bei den Pensions- und Betreuungstaxen je nach Institution markante Unterschiede. Für das Alterszentrum Bachgraben in Allschwil etwa wird der Mittelwert für ein Einerzimmer mit 148 Franken beziffert, zusammen mit der mittleren Betreuungstaxe von 70 Franken gibt das 218 Franken pro Tag. Das Zentrum Ergolz in Ormalingen hingegen schlägt bei ähnlicher Pensionstaxe von 146 Franken dank einer niedrigen mittleren Betreuungstaxe von 37.70 Franken laut Orahou lediglich mit 183.70 Franken pro Tag zu Buche. Blickt man über die Kantonsgrenzen hinaus, sind die Unterschiede teilweise noch grösser.

Erst bei einer Minderheit der Schweizer Heime aufgeführt, dafür aber sehr prominent platziert, fallen Sterne-Bewertungen auf. Als «Standort-Rating» angeschrieben, vergeben die Macher bis zu fünf Sterne für Altersheime, die sie selbst besucht und aufgrund fixer Faktoren wie Lage, öV-Erschliessung und Infrastruktur getestet haben. 4,5 Sterne staubt etwa das Tertianum St. Jakob-Park Basel ab, während das Alterszentrum Wiesendamm lediglich drei erhält.

Altersheim ist frei wählbar

«Wir schaffen Transparenz in einem Markt, der sich das nicht gewöhnt ist», sagt Tobias Pflugshaupt. Der gebürtige Allschwiler ist Gesundheitsexperte und hat zusammen mit seinem Geschäftspartner, dem Zuger Martin Spinnler, die Helvetic Care AG gegründet, die hinter dem Vergleichsportal steht. «Wir stimulieren damit den Wettbewerb», sagt Spinnler, als die beiden der «Schweiz am Wochenende» ihr Projekt vorstellen. Eine Kernbotschaft von Orahou ist: Wenn das Vergleichen von Hotels im Internet selbstverständlich ist, sollte dies bei jenen Institutionen, in denen ältere Menschen im Durchschnitt die letzten zweieinhalb Jahre ihres Lebens verbringen, ebenfalls möglich sein. Eine zweite Botschaft ist: Auch bei Altersheimen besteht – vor allem für Selbstzahler, eingeschränkt auch für EL-Bezüger – grundsätzlich Wahlfreiheit, sofern man den Wohnsitz in die jeweilige Gemeinde verlegt.

Freilich fehlt auf der Website ein Button «Buchen». «Das ist zumindest heute noch Zukunftsmusik», sagt Spinnler. Man wolle, dass das Portal eine Informations-Drehscheibe ist, doch weiterhin solle jeder auch den direkten Kontakt zum Altersheim suchen. Diesen Kontakt hätten die beiden auch gerne. Doch bei den meisten Heimen stossen sie auf taube Ohren. Und das kommt nicht von ungefähr: «Wir empfehlen unseren Mitgliedern, sich an dieser oder ähnlichen Bewertungsplattformen nicht zu beteiligen», heisst es in einem Schreiben, das die nationalen Dachverbände der öffentlichen und privaten Alters- und Pflegeheime, Curaviva und Senesuisse, an alle Heime geschickt und Ende März auch online publiziert haben. Ein Boykottaufruf.

Vertiefte Prüfung kostet etwas

Und nicht nur das. Wie Pflugshaupt und Spinnler offenlegen, haben die Verbände zuerst gar die Einstellung von Orahou gefordert und mit rechtlichen Schritten gedroht. «Wir sind an einem Austausch interessiert und nicht auf Konfrontation aus», sagt Pflugshaupt. Man habe mehrfach zum Dialog eingeladen. Doch er sagt auch: «Mit unserem Angebot wollen wir aktuelle und angehende Heimbewohner sowie deren Angehörige erreichen. Das sind unsere Kunden und nicht die Institutionen.»

Wobei: Ganz ohne die Kooperation der Altersheime könnte es schwierig werden. Das Geschäftsmodell der Helvetic Care AG setzt nämlich auf drei Säulen. Orahou ist das Herzstück, doch Geld verdienen will das Unternehmen vor allem mit zwei kostenpflichtigen Angeboten: Einer vertieften Betriebsanalyse mit anschliessender Auszeichnung, den Swiss Healthcare Awards, sowie einem Beratungsangebot für Senioren namens «Wia75».

Beim Award kommt ein kleines Team von Helvetic Care für mehrere Tage ins Heim und prüft unter anderem die internen Prozesse, die Finanzen, das Personalmanagement, das Betreuungsangebot und die Zufriedenheit der Bewohner. Daraus folgen ein Schlussbericht und eine Auszeichnung in Bronze, Silber oder Gold. Da Pflugshaupt und Spinnler den Fokus zuerst auf die kostenlosen Sterne-Ratings legen («Bis in zwei Jahren sollen alle 1500 Heime geprüft sein»), haben sie erst zwei Altersheime als Pilotprojekt vertieft geprüft: das Seniorenzentrum Rosengarten in Laufen und das Zentrum Passwang in Breitenbach. «Wir konnten aus der Analyse wichtige Erkenntnisse ziehen», sagt Michael Rosenberg, der beide Heime leitet. Im Rosengarten etwa hätte man dank dessen im Backoffice eine Stelle einsparen und dafür die Pflegeleitung um eine Stelle aufstocken können. «Es ist mir klar, dass Helvetic Care Geld damit verdienen will, doch das Ganze ist ja freiwillig. Und als Betrieb sollte man sich immer hinterfragen und auch die Sicht von aussen zulassen.»

Damit steht er allerdings fast alleine da. «Curaviva Schweiz hat deutliche Vorbehalte bezüglich des Ratings», schreibt der Dachverband auf Anfrage. So sei unter anderem der genaue Kriterienkatalog der Sterne-Bewertung nicht öffentlich einsehbar. Tatsächlich besteht die Gefahr, die Sterne auch für eine Bewertung der Pflege-Qualität zu halten, obwohl es sich bloss um Infrastruktur-Faktoren handelt. Das wird aber nur in einem FAQ auf der Seite erklärt.

Umstrittene Mehrfachrolle

Auch die Mehrfachrolle der Helvetic Care AG stört den Verband: «Eine neutrale Stelle sollte prüfen, ob kein eigenes Geschäftsinteresse vorliegt in Bezug auf die sonstigen Portfolios der Firma.» Ansonsten könne dies wettbewerbsrechtlich heikel sein. «Kritisch wird es für mich, wenn jemand mit so etwas Geld verdienen will», sagt auch Gabi Mächler, Präsidentin von Curaviva Basel-Stadt. Vor allem hält sie Orahou aber aus kantonaler Sicht für unnötig: «In Basel-Stadt braucht es die Plattform nicht, da es eine obligatorische Pflegeberatung des Kantons gibt und die Taxen dank Rahmenvertrag einheitlich sind.»

Pflugshaupt lässt sich davon nicht abschrecken: Orahou solle die kantonalen Beratungsstellen nicht ersetzen, sondern sie ergänzen. Zudem würden Heime, die ein Business-Rating kaufen, auf der Website nicht besser bewertet. «Das Rosengarten hat ja drei Sterne und einen Silber-Award mit Schwächen im Bereich Organisation.» Sollten Heime auf Orahou klare Fehler entdecken, so würde man diese prüfen und bei Bedarf anpassen. «Wir entwickeln die Seite kontinuierlich weiter und sind interessiert an Inputs», sagt er.

Eines steht fest: Pflugshaupt und Spinnler werden weiter Woche für Woche Altersheimen im ganzen Land einen Besuch abstatten und ihre Sterne vergeben – ob erwünscht oder nicht.