Wodurch werden Junge in der Schweiz politisiert? Die Politik der SVP spielte in den letzten Jahren eine grosse Rolle. Auch Jan Kirchmayr ist davon geprägt. Die Ausschaffungsinitiative der SVP ermutigte ihn, für eine Gegenposition einzustehen. Doch entscheidend für den jungen Aescher, sich zu engagieren, war letztlich ein anderes, ein lokales Ereignis: 2010 protestierten er und viele andere Schüler – darunter der heutige Baselbieter SP-Chef Adil Koller – dagegen, dass die Regierung die Sanierung des maroden Gymnasiums Münchenstein aufschieben wollte. «Ich musste meine Maturprüfung in Handschuhen schreiben, so kalt war es im schlecht isolierten Schulzimmer», erinnert sich Kirchmayr. Die Missstände an der Schule hätten ihn geprägt: «Ich bemerkte: Im Kanton Baselland läuft etwas falsch, da wird bei Essenziellem gespart.»

Für seine Mutter nachgerückt

Am Donnerstag nun wurde der Geografie- und Geschichtsstudent im Landrat vereidigt. Mit 23 ist er der aktuell jüngste Baselbieter Parlamentarier und zudem der erste überhaupt, der in den 1990er-Jahren geboren ist. Jan Kirchmayr rückte nach für seine Mutter Christine Koch, die Ende Juni aus dem Parlament zurückgetreten war. Dies, weil der erste Nachrückende auf der SP-Liste im Wahlkreis Reinach, Silvio Tondi, aus beruflichen Gründen auf das Mandat verzichtete. Jan ist zudem der Sohn von Grünen-Fraktionschef Klaus Kirchmayr, einem der profiliertesten Baselbieter Politiker.

Politisch fühlt sich Jan seiner Mutter, die als Primarlehrerin tätig ist, näher: «Von ihr unterscheiden sich meine Positionen bloss in Details.» Gemäss Smartvote-Auswertung der Landratswahlen 2015 war Kirchmayr der am linksten stehende Kandidierende im Wahlkreis Reinach. Mit Vater Klaus, der viele Jahre im Bereich Unternehmenskäufe und Fusionen gearbeitet hat, streitet Jan über finanz- und wirtschaftspolitische Fragen. So protestierte Juso-Politiker Jan gegen das Sparpaket 12/15 der Baselbieter Regierung, das Vater Klaus mitgestaltet hatte.

Selbstbewusst und unbescheiden

Jan Kirchmayr zählt bei der SP zur neuen Generation um den Münchensteiner Adil Koller und die Ziefnerin Samira Marti, die ihre Ansichten unbescheiden vertreten und auch gegenüber Partei-Granden Selbstbewusstsein an den Tag legen. «Samira und ich haben die Medienarbeit der Juso professionalisiert und die Jungpartei auf ein neues Level gehoben», sagt Kirchmayr zur Zeit mit Marti als Juso-Co-Präsidenten vom Herbst 2013 bis Frühling 2015. Doch an seinem ersten Tag im Landrat merkte man dem Youngster schon an, dass er Respekt vor dem Amt hat. Immer wieder suchte er Blickkontakt zu Fraktionschefin Miriam Locher, die wie eine grosse Schwester über ihn wachte. Jan Kirchmayr weiss, was er will, doch à tout prix anecken ist nicht sein Ding. Er lege Wert auf einen anständigen Ton, Sachlichkeit sei für einen Parlamentsbetrieb sehr wichtig. Am Donnerstag erschien er im weissen Hemd und Blazer, was ihm prompt den Spott seiner Juso-Kollegen eintrug. Doch Kirchmayr sagt: «Es gehört sich, dass man sich den Gepflogenheiten des Parlaments anpasst. Doch mit Krawatte wird man mich nicht sehen».

Im Landrat will sich Kirchmayr als einer von nur drei Vertretern unter 30 für die Anliegen der Jungen stark machen. Neben der Bildung gehöre ein funktionierender öV dazu. So wehrt er sich gegen die Wiedereinführung des Nachtzuschlags im Tarifverbund Nordwestschweiz. «Ich fahre fast jedes Wochenende mit dem Nachtzug nach Hause und bringe wohl eine etwas andere Perspektive ins Parlament». Es würde sich lohnen, wenn auch andere Landräte mal wieder dieses Angebot nutzen würden. Auch die Schaffung von erschwinglichem Wohnraum liegt dem Studenten am Herzen. Ein Vorstoss Kirchmayrs, der seine Wohngemeinde dazu verpflichten wollte, scheiterte an der Gmeini nur knapp – ein Achtungserfolg für den SPler im bürgerlichen Aesch. An seiner ersten Landratssitzung konnte er gar einen kleinen Sieg verbuchen: Das Parlament genehmigte – parallel zur laufenden Sanierung – einen Kredit von 20 Millionen Franken für einen Erweiterungsbau am Gym Münchenstein. Für Kirchmayr hat sich ein Kreis geschlossen.