Es sind haarsträubende Tricks zur Gewinnmaximierung, die in Schweizer Spitälern offenbar gang und gäbe sind: Patienten werden an mehreren Terminen einzelnen Behandlungen unterzogen, anstatt alles in einem zu erledigen.

Es wird extra noch ein neues MRI gemacht, anstatt sich die Unterlagen einer bereits andernorts durchgeführten Kernspintomografie zu beschaffen. Da bei gewissen Eingriffen ein stationärer Aufenthalt lukrativer ist, wird er über 24 Stunden hinausgezögert, obwohl es auch ambulant ginge. Die Abrechnung eines einzelnen ambulanten Eingriffes wird in zwei Einzelschritte aufgeteilt.

Eine auf 20 Minuten limitierte Konsultation wird öfter als nötig auf 30 Minuten ausgedehnt und ein «erhöhter Behandlungsbedarf» geltend gemacht.

Auch Nordwestschweizer Spital?

Besonders seit der Bundesrat per 1. Januar 2018 den ambulanten Abrechnungstarif Tarmed für mehrere Leistungen reduziert hat, um die Gesundheitskosten zu dämpfen, suchen Spitäler Wege, um trotzdem nicht weniger zu verdienen. Dabei bewegen sie sich zwar im Legalen, loten aber die Grenzen des Vertretbaren aus. Dies zeigte eine nationale Recherche des Schweizer Radios SRF vergangene Woche. Der Sender sprach mit Chefärzten, etwa aus der Hirslanden-Klinik oder dem Stadtspital Waid in Zürich, aber auch dem Kantonsspital Luzern. Sie standen offen zu den Tricksereien.

Nicht beim Namen genannt wurde im Artikel dagegen ein «Nordwestschweizer Kantonsspital», in dem die Spitalleitung in einem internen Schreiben Vorgaben macht, um wie viele Orthopädie-Fälle sich die Abteilung zu steigern habe, nämlich um 5,5 Prozent von 2389 auf 2520 Fälle. Laut SRF würden gewisse Spitäler sogar Ärzte entlassen, die diese wirtschaftlichen Ziele nicht erreichen.

Gegenüber der bz nehmen sowohl das Kantonsspital Baselland (KSBL) als auch das Basler Universitätsspital (USB) Stellung zu den geschilderten Praktiken. Beide waschen ihre Hände in Unschuld: «Das KSBL wendet keine Tricks an. Die Geschäftsleitung hat den Ärztinnen und Ärzten klar vermittelt, dass die Patienten unter der Tarifrevision und den Massnahmen nicht leiden dürfen», sagt KSBL-Sprecherin Anita Kuoni. Ohne sich selbst zu outen, liefert das Kantonsspital eine mögliche Erklärung für Fallvorgaben wie in der Orthopädie: Die KSBL-Leitung lege jedes Jahr im Budgetprozess Ziele fest, dies aber gemeinsam mit den einzelnen Kliniken. Sie dienten der Planung des Geschäftsverlaufes und der einzusetzenden Ressourcen.

Patientenstelle verurteilt Tricks

Martin Jordan, Sprecher des USB, redet Klartext: «Bei uns gibt es keine zentralen Vorgaben, die anzuwenden sind. Unnötige Eingriffe oder Behandlungen sind indiskutabel, im höchsten Grade unethisch und keine Antwort auf die wirtschaftlichen Herausforderungen, die sich stellen.» Dass diese Herausforderungen für die Spitäler gross sind, verheimlicht Jordan nicht: «Der spitalambulante Bereich ist schwer defizitär, nicht nur am USB. Diese Situation wurde durch die Tarmed-Eingriffe des Bundesrates noch akzentuiert. Korrekt abrechnende Leistungserbringer sind zur Quersubventionierung oder am Ende gar zu Leistungsabbau gezwungen.» Er kritisiert, dass dadurch auch die Verlagerung von stationären Leistungen in den ambulanten Bereich tariflich schwer abgestraft werde.

Gar nicht gut kommen die Tricksereien der Spitäler bei der Patientenstelle Basel an, die sich für die Interessen und den Schutz der Patienten der Region einsetzt. «Solche Praktiken sind bedenklich. Wir haben kein Verständnis dafür, dass zusätzliche, womöglich unnötige Untersuchungen oder gar Eingriffe durchgeführt werden, nur um mehr Kosten zu generieren.

Das Wohl des Patienten muss an erster Stelle stehen», sagt Simone Abt, Vorstandsmitglied der Patientenstelle und SP-Landrätin. Und: «Die aufgewendete Zeit und nicht zuletzt die körperliche und psychische Belastung durch die Untersuchungen erfordern, dass ein Minimum an Eingriffen mit möglichst optimaler Wirkung zu erfolgen hat.» Auch wenn die Tricks legal seien, bleibe es dennoch ein Missbrauch, ist Abt überzeugt.

Für das Unispital ist klar, was die Lösung wäre: «Die Finanzierung des ambulanten Bereichs ist jener des stationären anzupassen. Für gewisse ambulante Behandlungen sind Pauschalen einzuführen», sagt Jordan. Doch ganz so einfach ist es nicht, zu viele verschiedene Interessen der Tarifpartner sind im Spiel. So dringend es auch wäre: Niemand erwartet in Bälde einen Durchbruch. Und deshalb gehen die Tricksereien wohl weiter.