Frau Meyer, das Netzwerk für Ein-Frau-Unternehmerinnen (Nefu) begleitet Sie nun seit über 20 Jahren intensiv – und umgekehrt. Was haben Sie durch das Netzwerk gelernt?

Nelly Meyer: Ich habe gelernt, wie unglaublich vielfältig das Angebot von Kleinunternehmerinnen ist. Mit wie viel Leidenschaft und Begeisterung diese Frauen Produkte und Dienstleistungen anbieten, von denen sie überzeugt sind. Wie sie sich durchschlagen, wie sie aus wenig viel machen. Wie zufrieden und stolz sie darüber sind, dass sie etwas Eigenes auf die Beine stellen.

Wie kam es zur Gründung von Nefu?

Mir fehlte als Alleinunternehmerin der Kontakt, den ich früher am Arbeitsplatz gehabt hatte. In einer Radiosendung, zu der ich 1992 bei Jeannette Plattner eingeladen war, um über meine selbstständige Tätigkeit zu sprechen, äusserte ich den Wunsch, mich mit Frauen, die wie ich arbeiteten, zum Erfahrungsaustausch zu treffen. Zu meiner Überraschung erhielt ich über 120 Reaktionen. Rund ein Jahr später kam es zur Gründung von Nefu. Das Netzwerk entsprach offensichtlich einem Bedürfnis.

Wie erklären Sie Aussenstehenden den Sinn und Zweck von Nefu?

Als Ein-Frau-Unternehmerin begegnet man bei Nefu anderen Frauen, mit denen man sich schnell identifizieren und Erfahrungen austauschen kann. Das Geben und Nehmen steht im Zentrum, nach dieser Leitidee funktioniert unsere Organisation. Als wichtig erachten wir, dass es auch zu realen, nicht nur virtuellen Begegnungen kommt, um Beziehungen zu knüpfen, um Informationen weitergeben und abholen zu können.

Was unterscheidet Nefu von anderen Frauennetzwerken?

Nefu ist weder ein Verband noch ein Verein, sondern ein loser Verbund von Ein-Frau-Unternehmerinnen, der einer einfachen Gesellschaft nach dem Obligationenrecht (OR) entspricht und einen rechtlich geschützten Namen trägt. Man registriert sich mit einer einmaligen, moderaten Eintrittsgebühr, bezahlt also keinen jährlichen Mitgliederbeitrag. Die Frauen sind völlig frei, wie oft sie an Veranstaltungen teilnehmen möchten. Unternehmerinnen sind von Natur aus gerne frei, dem tragen wir Rechnung.

Warum sollte eine Ein-Frau-Unternehmerin Nefu beitreten?

Weil es für sie ohne Vernetzung nicht geht. Man kann ja nur erfolgreich werden, wenn andere wissen, was man macht, was man anbietet. Durch die Vernetzung ergeben sich Synergien, kommt man überhaupt in Kontakt mit Unbekannten. Nefu ist auch ein Podium, auf dem man üben kann, auf fremde Menschen zuzugehen und sich mitzuteilen. Wenn man das gelernt hat, kann man auch besser auf potenzielle Kunden zugehen.

Was hat sich seit der Gründung von Nefu in der beruflichen Gleichstellung von Frau und Mann verändert?

Als ich mich 1987 mit meinem Schreibbüro verselbstständigte, war ich beinahe ein Unikum. Das ist heute anders. Frauen, die eine Sache nicht nur als Hobby betreiben, sondern sich damit als Profis Geld verdienen, gehören zum Berufsalltag. Die Entwicklung in Richtung berufliche Gleichstellung wird uns aber noch lange beschäftigen.

Wie ist Ihre persönliche Einstellung zum Thema Gleichstellung von Mann und Frau?

Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal für die Frauenförderung einsetze. Ich rutschte in diese Sache einfach hinein. Ich wuchs aber schon in dem Geist auf, dass Männer und Frauen gleich viel wert sind und dass Frauen einen Beruf haben sollten. Meine zwei Schwestern und ich wurden von einer sehr fortschrittlichen Mutter, einer Belgierin, erzogen, die im Denken und Handeln ihrer Zeit weit voraus war. Aber auf politischer Ebene für die Sache der Frau zu kämpfen, war nie mein Ding.

Was hat sich bei Nefu im Lauf der Jahre verändert?

Die Frauen haben durch erhöhten Arbeitsdruck weniger Zeit für freiwillige Einsätze. Ausserdem stossen immer mehr Akademikerinnen zu uns. Die Sensibilität an den Hochschulen für das Thema Selbstständigkeit ist gross.

Welche prägenden Erfahrungen haben Sie bei Nefu gemacht?

Als prägend erfahren habe ich die enorme Unterstützungsbereitschaft durch Private, Unternehmen, Organisationen, Stiftungen. Voraussetzung für eine tragende Beziehung ist ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis.

Welche Stempel haben Sie Nefu aufgedrückt?

Ich höre immer wieder, ich sei als Unternehmerin ein Vorbild gewesen, und den Ausdruck der Hoffnung, dass ich noch lange dabei bin, um Nefu mitzugestalten.

Ihr Wunsch für Nefu in der Zukunft?

Meine Vision ist, eine Mäzenin zu gewinnen, damit wir uns keine Sorgen mehr über Finanzen machen müssen, damit wir weiter existieren können, auch ohne Sponsoren.

Und wie blicken Sie auf Ihre persönliche Zukunft?

In diesem Sommer sind mir und meiner Familie zwei schwere Schicksalsschläge widerfahren. Ich befürchtete, den Einsatz für das Gipfeltreffen vom 14. November 2015 nicht mehr leisten zu können. Aber letztlich hat mir dieses Engagement Halt gegeben, ich konnte Schmerz und Traurigkeit einigermassen überbrücken. Ich hoffe, dass ich durch meine Arbeit auch künftig immer wieder Kraft und Zuversicht tanken und so schwierige Zeiten besser durchstehen kann.