Überraschung gestern Nachmittag an der Liestaler Rathausstrasse: Beim Ausheben der neusten Baugrube stiess der Baggerführer an der Ecke Rathausstrasse-Rosengasse bei der Bäckerei Ziegler in rund vier Metern Tiefe auf einen hölzernen Behälter. Sofort seien die Aushubarbeiten gestoppt und ein Fachmann beigezogen worden, teilte die Stadt Liestal in einem Communiqué mit.

Näheres konnte der zuständige Stadtrat Franz Kaufmann gestern Abend auf Nachfrage der bz nicht sagen, sondern verwies auf den heutigen Samstag: «Wir haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass wir diesen ominösen Behälter möglichst rasch heben können. Ich denke, dass das im Verlaufe des Samstags der Fall sein wird. Wenn wir Glück haben, handelt es sich um ein Einzelstück, wenn wir Pech haben, stossen wir auf weitere, wahrscheinlich archäologische Gegenstände.»

Damit würde genau das eintreten, wovor Kaufmann schon in der bz vom 22. Februar gewarnt hat: Es gebe zwei Risiken, die den Rathausstrasse-Baufahrplan durcheinander bringen könnten – eine lange Regenperiode und archäologische Funde. Obwohl Kaufmann ein versierter Kenner der Geschichte Liestals ist und auch selbst Stadtführungen leitet, will er sich auf keinerlei Spekulationen rund um den «ominösen» Holzbehälter einlassen. Für ihn sei das derzeit schlicht ein Rätsel, weil frühere Grabungen an der Rathausstrasse keine historischen Funde zu Tage gebracht hätten.

«Jahrhundertfund» stünde Basel zu

Gesprächiger zeigt sich der von der Stadt Liestal zugezogene Fachmann Jürg Ewald. Ewald war bis zu seiner Pensionierung langjähriger Baselbieter Kantonsarchäologe und ist wohl noch heute einer der besten Kenner der Geschichte des Kantonshauptorts; so schrieb er auch das entsprechende Kapitel in der neuen Liestaler Heimatkunde. Ewald sagt: «Ich kann im Moment nur Vermutungen anstellen. Aber insbesondere die arg verrosteten Beschläge an der Kiste scheinen auf das 15. Jahrhundert hinzuweisen. Obwohl Archäologen den Ausdruck meiden, liegt hier eine Sensation in der Luft.»

Archäologische Sensation? Welche könnte das sein? Ewald ziert sich zunächst und verweist auf seinen guten Ruf, den er zu verlieren habe, falls er mit seiner Prognose daneben greift. Eine Deutung der erst zu einem Teil freigelegten Holzkiste nur auf Basis eines Augenscheins sei eine Gratwanderung. Nach längerem Hin und Her rückt Ewald dann aber doch noch mit Details heraus: «Man darf nicht vergessen, dass das späte 15. Jahrhundert von den Burgunderkriegen geprägt war, von denen ja die wunderbare Burgunderschale zu uns gekommen ist, die Heini Strübin aus der Schlacht bei Nancy 1477 mitgebracht hat.»

Bei dieser Burgunderschale verhalte es sich ähnlich wie mit dem spätrömischen Silberschatz von Kaiseraugst: Zu einigen der kostbaren Teile wie der «Achillesplatte» fehlten nach wie vor die Gegenstücke, die sie ergänzenden Doppel, die in einem solchen Ensemble eigentlich zu erwarten seien.

Und dann legt Ewald seine wissenschaftliche Zurückhaltung endgültig ab: «Es ist ausserordentlich reizvoll anzunehmen, die Kiste enthalte das immer noch fehlende Gegenstück, die sozusagen zweite Burgunderschale, die als Beutestück für die Stadt Basel gedacht gewesen war. In diesem Fall kann man füglich von einem Jahrhundertfund sprechen.»
Ein solcher Fund würde allerdings einen zusätzlichen historischen Schatten aufs belastete bikantonale Verhältnis werfen: Wollte Liestal etwas verstecken vor Basel?

Hebung voraussichtlich um 14 Uhr

Was Ewalds Hypothese stärkt: Der Holzbehälter wurde unmittelbar neben dem Gewölbekeller des ehemaligen Gasthofs zur Sonne gefunden, das einst jener Heini Strübin betrieb, der die Burgunderschale nach Liestal gebracht hatte. Ewald verweist im Weitern darauf, dass vor einer Hebung der Kiste die Situation unbedingt genau vermessen und fotografiert werden müsse.
Stadtrat Kaufmann schätzt, dass dies bis heute Samstagmittag erledigt ist.

Kann dann die Öffentlichkeit die Hebung des Holzbehälters live mitverfolgen? Kaufmann: «Das wird eine sehr delikate Aufgabe. Denn wir wissen im Moment nicht einmal, wie gross der Holzbehälter genau ist. Da damit zu rechnen ist, dass das morsche Holz beim Heben zerfällt, müssen wir höllisch aufpassen, dass wir den allfälligen Inhalt nicht beschädigen.»

Deshalb sei es schwierig, einen genauen Zeitpunkt zu definieren. Aber, so ergänzt Kaufmann, wer um 14 Uhr vor Ort sei, liege zeitlich nicht schlecht, um etwas zu sehen.