Mit einer markigen Schlagzeile kündigte die «Basler Zeitung» den neuen Geschäftsführer des Verkehrsclubs Schweiz beider Basel an. Florian Schreier sei nun der «neue Chef-Autofeind», hiess es. Er selber zuckt die Achseln. «Der Titel war reisserisch, aber der Text war ganz pragmatisch.» Wer den 30-jährigen Birsfelder näher kennt, der weiss: Es ist schwierig, ihn zum Feindbild zu machen.

Zwar präsidierte er einst die Juso Baselland. Aber er war bei weitem nicht so laut und frech wie einige seiner Nachfolger. Auch verspürt er keinen Drang, im Mittelpunkt zu stehen. «Ich muss mein Gesicht nicht in der Zeitung sehen», sagt er. «Ausser es dient der Sache.» Aber natürlich hat Schreier auch gelernt, dass Medienpräsenz nützlich sein kann.

Den mediengewandten Cédric Wermuth etwa, der stellvertretend für die Wiederauferstehung der Jungsozialisten in der Schweiz steht, bezeichnet er als Vorbild. «Wie er dieser stillstehenden Sache Dampf gemacht hat, war schon super.»

Streng linke Positionen

Schreiers Weg zum VCS und in die Politik war alles andere als glamourös. Beharrlichkeit und kleine Schritte dominierten den Werdegang. In einem linken Elternhaus sozialisiert, wurde Schreier an den Abstimmungswochenenden beim Sonntagsspaziergang auf die Politik aufmerksam. Bei der Urne machte die Familie Schreier in Birsfelden Halt, um die Abstimmungscouverts einzuwerfen.

Sein Vater engagierte sich 2008 für die Initiative «Autofrei Basel», und weil auch die Pubertät bei ihm relativ reibungslos über die Bühne ging, musste er sich nicht demonstrativ von den Eltern abwenden und etwa linksradikal oder streng konservativ werden. Nach der Matura am Gymnasium Liestal studierte er Biologie, sein Interesse für Umweltthemen hätte ihn genauso gut zu den Grünen führen können. Doch da gab es noch eine andere Seite in ihm: die soziale.

Auch er ist der Meinung, dass die Reichen mehr zur Kasse gebeten werden könnten und der Staat mehr für die Armen ausgeben könnte. Schon immer beschäftigte ihn das Schicksal der Schwächsten in der Gesellschaft. So setzt er sich beispielsweise für mehr genossenschaftlichen Wohnraum ein und vertritt allgemein dezidiert linke Positionen. Er will die Armee abschaffen, den Kapitalismus überwinden und Hanf legalisieren.

Im Sport weniger ambitioniert

Die Umwelt freilich ist ihm am nächsten. Im vergangenen Jahr, als er als Projektleiter bei der Klima Allianz Schweiz arbeitete, war er bei den ersten Klimastreiks dabei. Wenn sein Blut etwas in Wallung bringt, dann höchstens die Tatsache, wie die Schweiz sich auch drei Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen einem strengeren CO2-Gesetz verweigert habe. «Um nochmals zurückzukommen auf die Eingangsfrage: Vielleicht ist es das, was mich in jüngster Zeit am meisten aufgeregt hat: Dass die Politiker dieses Gesetz völlig entkernt haben.»

Die Weggefährten bezeichnen Schreier als Politiker mit der nötigen Ernsthaftigkeit und als bodenständigen Menschen. Die ehemalige Baselbieter SP-Präsidentin Regula Meschberger etwa sagt, sie habe an Schreier «den Plausch». Kurz hält Meschberger inne. Darf man so etwas noch über einen 30-jährigen sagen, der schon elf Jahre Gemeindepolitik auf dem Buckel hat? Meschberger darf, denn die Birsfelderin hat die ersten politischen Gehversuche Schreiers miterlebt und sitzt noch heute mit ihm im Vorstand der SP Birsfelden. «Er ist ein Schaffer, einer, der sich richtig reinkniet und nicht gerne im Vordergrund steht», sagt sie.

Einst spielte Schreier Handball beim TV Birsfelden. So richtig packte ihn der Ehrgeiz hier aber nicht. «Rein körperlich wäre eine Karriere für mich ohnehin nie eine Option gewesen», sagt er. «Und diejenigen, die es trotz geringer Körpergrösse schafften, die hatten mehr Talent.» Lukas Märki, ein ehemaliger Junioren-Teamkollege, erinnert sich an eine «super Zeit mit Florian» beim Nachwuchs. Er sagt aber auch: «Es passt zu ihm, wenn er sagt, dass er sich nicht als talentiertesten Handballer sah – er war wirklich nicht der Ambitionierteste.»

Immerhin infizierte er seine Schwester mit dem Handball-Virus. Silvana Schreier, heute Redaktorin beim «Oltner Tagblatt», kam über ihren Bruder zum TV Birsfelden. Sie erinnert sich an einen fürsorglichen Bruder, der sie oft vom Training abholte. Die beiden Geschwister haben bis heute eine enge Bindung, wenngleich der Altersunterschied von vier Jahren dazu führte, dass sie nicht jede freie Minute zusammen verbrachten. «Er war schon immer loyal», sagt sie. «Unter anderem liess er mich als Kind im Glauben, dass es den Osterhasen gibt. Obwohl er mit zwölf, dreizehn Jahren längst nicht mehr daran glaubte.»

Vielleicht wunderte sich der ehemalige Juniorenkollege Märki, als er ihn Jahre später als SP-Politiker wiedersah. Heute sitzt er gemeinsam mit Schreier in der Gemeindekommission. Und in der Politik sei Schreier alles andere als unambitioniert. «Das Engagement, das er an den Tag legt, ist wirklich beeindruckend.»

Basel hat grosses Potenzial

In seiner neuen Funktion als Geschäftsführer des VCS wird Schreiers Elan gefragt sein. Sein Ziel: «Wir müssen vorne dabei sein, wenn es um den Umbau der Mobilität auf Nachhaltigkeit geht.» Die Mobilität verursache vierzig Prozent der menschgemachten Emissionen in der Schweiz, sagt Schreier. Und trotz der 2010 angenommenen Städteinitiative, die binnen zehn Jahren eine Senkung des Autoverkehrs um zehn Prozent forderte, würden die Strassenprojekte wie der Westring und die Osttangente weiter vorangetrieben. Unnötig, findet Schreier.

Das Potenzial von Velo und öV sei in der Region riesig, doch so lange sich «vor allem junge Männer auf ihrem Velo im Strassenverkehr wohlfühlen, ist es noch ein weiter Weg.» Dereinst, sein Wunsch, «sollen Grossmütter und Kinder sorgenfrei durch die Stadt radeln können». Trotz ausgebautem Velonetz sei im Vergleich zu gewissen niederländischen und dänischen Städten Basel «noch nirgends». Und auch die Fussgänger, die allerschwächsten Verkehrsteilnehmer, würden in der Verkehrsplanung vernachlässigt. «Die Zebrastreifen sind an einigen Orten in der Stadt unglücklich, sodass man grosse Umwege machen müsste – das macht in der Realität natürlich kein Fussgänger.»

Die unlängst lancierte Velo-Charta richtet den Mahnfinger gewissermassen an die eigene Klientel. Sie ruft die Velofahrer zur Rücksicht gegenüber den verletzlichen Fussgängern auf. Die neue Kampagne passt insofern gut zu Schreiers Start als VCS-Geschäftsführer. Es gilt immer, auf die Schwächsten Rücksicht zu nehmen.