Von der Autobahn A2 aus ist er schon von Weitem sichtbar, der «Büchel» von Zunzgen. Der runde, eindeutig künstliche Hügel, thront über dem südlichen Ausgang des Baselbieter Dorfes und ist meist von einer Schweizerfahne gekrönt. Er gleicht den prähistorischen «Mounds», den Grabhügeln mythologischer Könige, wie sie in der Literatur etwa in Tolkiens «Herr der Ringe» auftauchen. Auf einen solchen Ursprung verweist auch der früher gebräuchliche Name «Heidenbüchel».

Eine alte Legende berichtet denn auch, dass der Hügel nichts weniger markiere, als das Grab des Hunnenkönigs Attila. Die Hunnen, ein zentralasiatisches Reitervolk, hatten zu Beginn des 5. Jahrhunderts die germanischen Goten angegriffen und so die Völkerwanderung ausgelöst. Immer wieder waren sie in Gallien eingefallen. Auch eine Invasion in Italien ist bezeugt. Allerdings sollen die Hunnen nur bis Aquilea im heutigen Friaul gekommen sein und nicht wie angestrebt bis Rom.

Was aber hat das beschauliche Zunzgen mit dieser wilden Geschichte zu tun? Die Sage berichtet dass Attila auf dem Rückzug im Jahr 451 nach der verlorenen Schlacht auf den katalaunischen Feldern gegen Römer und Westgoten bei Chalons-sur-Marne dem Rhein entlang nach Augusta Raurica gekommen sei. Er habe die Römerstadt niedergebrannt, sei das Ergolztal hinauf weitergezogen und dann beim Eingang des Diegtertales plötzlich verstorben.

Dort sei er in einem goldenen Sarg beerdigt worden. Als Grabbeigabe hätten ihm seine Gefolgsleute den jüdischen Tempelschatz mitgegeben worden, samt dem berühmten siebenarmigen Leuchter aus Jerusalem, der Menora.

Den Schatz sollen die Hunnen laut der Legende kurz zuvor in Italien erbeutet haben. Über dem Grab Attilas sei dann ein künstlicher Hügel aufgeschüttet worden, eben der heutige Büchel von Zunzgen.

Kantons-Archäologie ist skeptisch

Liegt der Hunnenkönig Attila wirklich im Baselbiet samt Tempelschatz aus Jerusalem? Was ist dran an der Sage? Nichts, sagt die Fachstelle «Archäologie Baselland» auf ihrer Website. Das Wort «Büchel» käme vom althochdeutschen Wort «Buhil», was bloss Hügel bedeute.

In alten Flurbezeichnungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, werde der Ort aber auch «Burgrein», «Burgmatten» und «hinter der Burg» genannt. Dahinter stecke eine andere, prosaischere Erinnerung an die Vergangenheit des Büchels. Der Hügel sei erst im 9. oder 10. Jahrhundert aufgeschüttet worden, und zwar um eine Burg darauf zu bauen.

In der Tat hätten archäologische Grabungen 1881, 1950 und 1967 ergeben, dass es sich beim Büchel nicht um eine spätantike Grabstätte handle, sondern um eine frühmittelalterliche Burganlage. Diese wurde auf dem extra künstlich aufgeworfenem Hügel errichtet und bestand aus hölzernen Palisaden samt hölzernen Turm, umgeben von einem tiefen Graben.

Die Anlage sah wohl eher so aus wie ein Fort aus dem Wilden Westen und weniger so, wie die steinernen Behausungen edler Adelsgeschlechter des Mittelalters. Die hölzernen Wehranlagen aus der Frankenzeit heissen in der Forschung «Mottenburgen» und wurden im ganzen Frankenreich errichtet, als militärische Antwort auf die damals ständigen Invasionen und Raubzüge von Wikingern und Sarazenen.

Da diese Burgen zum grossen Teil aus Holz konstruiert waren, blieben sie meist nicht erhalten. Vielerorts wurden die Holzfestungen später durch steinerne Burgen abgelöst – nicht so in Zunzgen.

In Kaiseraugst wurde man fündig

Wissenschaftlich ist es also äusserst unwahrscheinlich, dass unter dem Büchel von Zunzgen wirklich ein Hunnenkönig liegt. Attila sei auch 453 verstorben und nicht 451. Und was den jüdischen Tempelschatz angeht, so wurde dieser von den siegreichen Römern nach der Zerstörung Jerusalems nach Rom gebracht und dort in einem Triumphzug durch die Stadt geführt. Ein Abbild des siebenarmigen Leuchters ziert bis heute den Titusbogen in Rom. Dann wurden der siebenarmige Leuchter und die Tempelgeräte über Jahrhunderte im vom Kaiser Vespasian gestifteten Friedenstempel ausgestellt. Von dort nahmen sie dann die Vandalen mit, als sie 455 Rom plünderten. Seither sind Tempelschatz und Menora verschollen.

Ist also gar nichts dran an der Legende von Attilas Grab und Jerusalemer Tempelschatz unter dem Büchel in Zunzgen? Die Legende jedenfalls hält sich bis heute. Die letzte archäologische Grabung am Büchel fand aber vor 51 Jahren statt, als die Autobahn gebaut wurde. Wer weiss, was erneute Grabungen mit modernen wissenschaftlichen Methoden zutage bringen würden?
Nur 15 Kilometer Luftlinie von Zunzgen entfernt, in Kaiseraugst, wurde 2001 durch Zufall der mittlerweile weltberühmte Menora-Ring von Augusta Raurica gefunden. Er stammt aus dem 4. Jahrhundert.

Was er zeigt? Die älteste in Europa nördlich der Alpen bekannte Darstellung des siebenarmigen Leuchters aus dem Jerusalemer Tempel.