Die Geschichte der «Schweiz am Sonntag» macht Furore: In Therwil hat die Schulleitung mit muslimischen Schülern eine Vereinbarung getroffen: Aus Rücksicht auf ihre religiösen Gefühle müssen die Halbwüchsigen der Lehrerin nicht mehr die Hand geben. Nicht etwa, weil die Lehrerin schmutzige Hände hätte, sondern weil sie eine Frau ist. Die Reaktionen auf den Beitrag sind eindeutig und voraussehbar: «Geht gar nicht», ist der Grundtenor bei den Internetkommentatorinnen und Leserbriefschreibern. Und sie haben recht.

Was Integration genau zu beinhalten hat, darüber lässt sich diskutieren. Aber dass man sich an die grundlegendsten Anstandsregeln des Gastlandes hält, ist selbstverständlich. Oder sollte es sein. In einem orthodoxen Kloster in Griechenland verhüllt die Touristin ihre Beine, auf einer Parkbank in Teheran trinkt der durstige Reisende kein Bier. Wer aus religiösen – oder was für Gründen auch immer – meint, er könne sich nicht an lokale Grundregeln halten, der soll auf die Reise verzichten. Ob es nun eine Ferienreise ist oder eine Auswanderung. Darum sind beispielsweise Bussen für Schwimmunterrichts-Verweigerer, wie sie in Basel-Stadt verhängt wurden, richtig. Die Schulpflicht gilt bei uns für alle und für alle Fächer.

Es geht um hart erkämpfte Werte und Rechte

Dass die Therwiler Schulleitung es offenbar in Ordnung findet, wenn man einer Frau aus religiösen Gründen nicht die Hand gibt, ist ein krasses Beispiel für völlig falsch verstandene Toleranz. Dabei ist absolut unerheblich, ob es nun irgendwelche Rechtsschulen im Islam gibt, die den Handschlag mit Frauen ablehnen – im Koran steht das nämlich nirgends geschrieben. In unseren Breitengraden sind Frauen und Männer gleichberechtigt, werden mit der gebotenen Höflichkeit behandelt und das lernt man, wenn es schon zu Hause nicht geschieht, dann wenigstens in der Schule. Dass eine Schulleitung hier einknickt, zeigt, sie hat ihren grundlegenden Auftrag nicht erkannt: Mündige, kritische Bürger heranzuziehen, die sich in unseren Rechts- und Gesellschaftsnormen zu bewegen wissen.

Sonst muss man sich die Frage stellen, wie weit die Rücksichtnahme im Namen der Toleranz denn gehen soll. Ist es auch in Ordnung Frauen zu schlagen? Sollen reine Knabenklassen mit ausschliesslich männlichem Lehrpersonal eingerichtet werden?

Es geht hier nicht um den Islam, sondern um moderne Werte. Auf der Suche nach frauenverachtenden Stellen wird man auch in der Bibel rasch fündig. «Die Weiber seien untertan ihren Männern als dem Herrn», schreibt Paulus an die Epheser (5,22). Das kann ihm auch niemand verübeln, er tat das im ersten Jahrhundert und seine Aussage entsprach dem gesellschaftlichen Normativ. Wir aber leben im 21. Jahrhundert. Unsere Gesellschaft hat sich entwickelt. Nicht zuletzt dank Bildung, Aufklärung und Regeln, die in der Schule gelehrt werden. Wer hier nachgibt, tritt hart erkämpfte Werte und Rechte mit Füssen und bereitet den Weg für eine Rückkehr in finstere Zeiten.