115 Dezibel laut sind die Teile. Das entspricht einer laufenden Kettensäge. Noch fünf Dezibel lauter – und die Unwohlseinsschwelle wäre überschritten. Hier ist nicht etwa von Polizeisirenen die Rede, sondern von sogenannten Schrillalarmen.

Die Schlüsselanhänger grossen Geräte dienen vor allem Frauen zum Schutz vor Angreifern und Räubern. Zieht man den an einer Schnur befestigten Stift heraus, beginnt die kleine Lärmgranate zu pfeifen und soll einen Aggressor abschrecken und vertreiben. Darüber, wie effektiv die Gerätchen sind, lässt sich allerdings streiten.

Nur wenige Pfeifen im Baselbiet

In Reinach sind die Schrillalarme seit Februar 2015 auf dem Stadtbüro erhältlich für 10 Franken. «Das ist praktisch zum Selbstkostenpreis», erklärt Gemeindeverwalter Thomas Sauter. Mit dem Angebot folgt Reinach dem Beispiel von Basel-Stadt: Dort kam es im Herbst 2013 zu einer grossflächigen Verteilungsaktion von Schrillalarmen, die auch schon in den Jahren zuvor bei Trainings der Basler Kantonspolizei herausgegeben worden waren. Der Kanton kaufte vor zwei Jahren 20 000 Stück und gab diese gratis auf Polizeiposten ab.

Die Baselbieter Polizei ist von den Abgabeaktionen in Basel und Reinach offenbar nicht restlos überzeugt. Es sei keine derartige Abgabeaktion in Planung, erklärt Mediensprecher Meinrad Stöcklin. Zwar begrüsse man grundsätzlich sämtliche präventiven Massnahmen – aber: «Darüber, was diese Alarme konkret verhindern können oder sollen, gehen die Meinungen durchaus auseinander». So stelle sich, gibt Stöcklin zu Bedenken, etwa die Frage, was konkret geschehe, nachdem der Alarm einmal aktiviert sei.

Diese Einwände sind nicht neu. Schon 2013, zum Auftakt der Basler Verteilaktion, musste Polizeikommissär Marco Liechti das Projekt, für das er verantwortlich war, verteidigen: «Jetzt kommen wieder die Pessimisten und sagen, bei einem Autoalarm drehe sich auch niemand um. Aber wenn eine Frau vergewaltigt wird, dann reagieren die Leute schon.» Viel genützt haben die Gerätchen jedoch nicht, wie eine Nachfrage nach Fällen ergibt, bei denen ein Verbrechen dank der schrillen Pfeifer verhindert werden konnte.

Nur ein bekannter Alarmeinsatz

Der Polizei Basel-Stadt ist laut Mediensprecher Andreas Knuchel ein konkreter Fall bekannt, wo ein Schrillalarm eingesetzt wurde. Eine 44-jährige Frau wehrte im April 2014 durch Schreien und Auslösen des Alarms einen Raubüberfall im Bürgerspital Basel ab. Der Täter flüchtete und konnte kurz darauf von einer Patrouille gefasst werden.

Der Basler Polizeisprecher relativiert die magere Ausbeute der auf Kosten des Steuerzahlers durchgeführten Präventionsmassnahme: «Fälle, in denen der Schrillalarm eingesetzt wurde, müssen nicht zwangsläufig der Polizei zur Kenntnis gebracht werden», so Knuchel. Man wisse also nicht, wie oft die Geräte tatsächlich zum Einsatz gelangten. Die Polizei Basel-Stadt werde die Geräte jedenfalls weiterhin verteilen.

Reinach hat laut Sauter rund 300 der 1000 vorhandenen Alarme verkauft. In der zweitgrössten Baselbieter Gemeinde steht die Prävention anscheinend gar nicht im Vordergrund: «Auf den Schlüsselanhängern ist auch das Gemeindelogo aufgedruckt», sagt Sauter. «Somit hat die Aktion auch einen Werbeeffekt.» Und als Aufforderung – gerade an Frauen – generell stärker auf der Hut zu sein, will man die Gerätchen auf keinen Fall verstanden haben: Das Angebot habe nichts mit der Sicherheitslage in Reinach zu tun, sagt der Gemeindeverwalter. «Reinach ist ein sehr ruhiges, nicht gefährliches Pflaster. Mit den Schrillalarmen wollen wir einfach das Sicherheitsgefühl der Menschen fördern.»

Über 30 000 Stück im Umlauf

Meinrad Stöcklin stützt die Einschätzung aus Reinach. Das Baselbiet sei ein sehr sicherer Kanton. Er zieht daraus jedoch einen anderen Schluss: «Gewaltdelikte sind in der Nordwestschweiz primär ein städtisches Phänomen. Es besteht also aus unserer Sicht keine wirklich ausserordentliche Lage für die Ergreifung solcher Massnahmen.»

In der Stadt sei man nach wie vor von den Alarmen überzeugt, entgegnet Knuchel – die Verteilzahlen würden dies untermauern: Bis heute habe manrund 30 000 Stück gratis abgegeben. Seit 2008 habe der Kanton rund 50 000 Geräte gekauft, dafür seien ungefähr 200 000 Franken aufgewendet worden. «Die Schrillalarme gehören zum Standardequipment, das bei der Kantonspolizei Basel-Stadt erhältlich ist.» Allein die vielen verteilten Geräten seien ein Hinweis dafür, dass für die Bezüger ein gesteigertes Sicherheitsgefühl ein Bedürfnis sei.

Ob die von Basel-Stadt dafür ausgegebenen 200 000 Franken gerechtfertigt sind, sei dahingestellt.

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