José López führte in Spanien das, was er ein gutes Leben nennt. Er wohnte in der Nähe von Almeria. Wenn er aus dem Fenster seines Apartments guckte, sah er seinen Pool und das Meer. Als selbstständiger Anwalt war er im Immobilien-Business tätig. Dieses boomte, immer mehr seiner Landsleute leisteten sich ein Eigenheim – auf Pump zwar, aber das störte niemanden, solange die Zahlen immer nur in eine Richtung zeigten: nach oben.

Dann kam das Jahr 2007. Das Jahr, in dem die Finanzkrise ihren Anfang nahm. «La crisis economica», wie es die Spanier nennen, oder meist schlicht «La crisis». «In Spanien», sagt López, «versteht sowieso jeder, welche Krise gemeint ist.»

Alle Baukräne stehen still

López sitzt in seinem Büro in Pratteln. Schaut der 43-Jährige aus dem Fenster, sieht er nicht das Meer, sondern den Bahnhof. Dort wird gerade ein Hochhaus in die Höhe gezogen. Und dahinter noch mal eines. In Spanien stehen alle Baukräne still.

López hat eine Stelle bei einer Kanzlei in Pratteln gefunden. Damit stellt er eine Ausnahme dar unter den gut ausgebildeten Einwanderern: Er arbeitet auf dem Beruf, den er erlernt hat. Viele andere haben weniger Glück. Mittlerweile ist die spanische Wirtschaft derart am Boden, dass auch Professoren, Ärzte, Lehrer, Ingenieure die Koffer packen – und eben Anwälte. Viele von ihnen rackern im Exil auf dem Bau, putzen Büros, bewachen Parkplätze, hüten Kinder, sitzen an Ladenkassen. Auch für López sah es zu Beginn nicht rosig aus. Im September 2012 kommt er alleine in Zürich an. Er findet einen Job im Service eines indischen Restaurants. «Zuvor hatte ich niemals indisch gegessen», sagt er. «Heute bin ich süchtig nach Curry.»

«Konnten ihn gut gebrauchen»

Ende 2012 stiess er auf den Namen von Daniel Ordás – es sollte sich als Glücksfall erweisen. Der Basler mit spanischen Wurzeln (und bz-Kolumnist) ist Partner einer Anwaltskanzlei. Er hält immer wieder Vorträge zur Direkten Demokratie, was ihn über seine Medienpräsenz in Spanien und Social Media für viele Auswanderungswillige zur Ansprechperson gemacht hat. «Wir konnten einen spanischen Anwalt gut gebrauchen», sagt Ordás. «Wir gaben ihm zuerst immer wieder Aufträge. Dann, im Januar 2013, stellten wir ihn fest ein.» Dank ihm könne die Kanzlei Aufträge erledigen, die sie sonst an Dritte vergeben oder sogar ablehnen müsste.

López steht auf der EU-Liste des Kantons. Als solcher darf er im Baselbiet als Anwalt praktizieren. Zu seiner Kundschaft zählen vor allem spanisch sprechende Personen, die er vor Gericht vertritt. «Ich berate aber auch spanische KMU», sagt López, «die hier in die Schweiz expandieren wollen.» Nicht allen Firmen in Spanien gehe es schlecht, aber der Konsum sei am Boden. «Deshalb suchen viele neue Absatzmärkte.»

Bei seiner Integration geholfen hat López, dass er schon in Spanien Fremdsprachen gelernt hat – Englisch, Französisch, Russisch und Deutsch. Deutsch spricht er auf hohem Niveau. Er drückt sich gewählt aus, fragt nach, ob ein Wort das passende sei, und will nun rasch Schweizerdeutsch lernen, das er bereits problemlos versteht.

Gerade die Sprache. Sie sei der Schlüssel für eine geglückte Einwanderung, sagt Ordás. Er spricht aus Erfahrung: Täglich erhält er Anrufe von Spaniern, die in die Schweiz reisen wollen – oder bereits hier sind. Während des Gesprächs mit der bz steht plötzlich ein unangemeldeter jüngerer Mann auf der Matte. Er habe sich die Hand verletzt, auf dem Bau; er wisse nicht, wie das mit der Versicherung funktioniere.

Easy-Jet-Migration

Dem Verletzten kann Ordás weiterhelfen. Meistens weiss aber auch er keinen Rat. Ausser diesen: «Geh zurück!». Das sage er denjenigen, die auch nach zwei Monaten noch keinen Job gefunden haben. «Ich mache klar, dass sie zuerst ein bisschen Deutsch lernen sollen.» Die Easy-Jet-Migranten seien das: Sie kaufen sich mit dem letzten Geld ein Flugticket. Ordás kennt Leute, die in Telefonkabinen übernachten. Die Zahl der Zuwanderer steigt (siehe Text oben). Wie viele Spanier sich effektiv in der Schweiz aufhalten, weiss aber niemand. Offiziell ist es ihnen als Angehörige eines EU-Lands gestattet, hier einen Job zu suchen. Anmeldepflichtig werden sie erst nach drei Monaten.

José López ist die Integration geglückt. Nach Stationen in Zürich, Olten und Basel wohnt er jetzt in Pratteln. Immer wieder fliegt er nach Spanien, um Angehörige zu besuchen – eine definitive Rückkehr komme für ihn zurzeit aber nicht infrage, sagt López. Er habe sich hier ein neues Leben aufgebaut. Es ist eines, das er ein gutes nennt.