Jörg Hieber (80) ist ein Kriegskind. 1938 wurde er in Leonberg, einer mittelgrossen Stadt in der Nähe von Stuttgart, geboren. Mehrmals musste er umziehen und die Schule wechseln – auch die Nachkriegszeit forderte ihren Tribut. Gerade acht Jahre ging er auf die deutsche Hauptschule, mit 14 Jahren in die Fremde, um Konditor zu lernen.

Damals hätte wohl niemand damit gerechnet, dass aus ihm der Patron einer Supermarktkette wird, die heute 1'300 Mitarbeiter und 14 Läden mit einem Umsatz von zirka 220 Millionen Euro hat. Gerade ist wieder ein neues Geschäft eröffnet worden. In den grenznahen Märkten Rheinfelden, Grenzach, Weil am Rhein und Lörrach kommen 15 bis 20 Prozent der Kunden aus der Schweiz.

Der Weg dahin war lang und steinig. Er zeigt, dass Hieber niemand ist, der schnell aufgibt. Nach mehreren Wanderjahren im In- und Ausland fuhr er anderthalb Jahre auf einem Passagierschiff als Konditor zur See. 1963 machte er seine Meisterprüfung und heiratete. Nach drei Jahren Arbeit als Konditor in einem Café in Weil am Rhein machte er sich mit seiner Frau selbstständig.

Ab 1966 betrieb das Ehepaar im Wiesentaldorf Höllstein bei Lörrach einen gerade 50 Quadratmeter grossen Laden, den es auf insgesamt vier Filialen erweiterte. «Es war zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel», erinnert er sich. Anfang der 80er Jahre war er kurz vor dem Aufgeben. Dann kam das Angebot von Edeka, einer Einkaufszentrale für den Detailhandel, in Lörrach einen 1000 Quadratmeter grossen Laden zu übernehmen. Die kleinen Filialen schloss er dafür.

Alles war ein wenig feiner

«Dort haben wir unser Konzept umgesetzt, dass alles ein wenig feiner sein muss», sagt Hieber. Frische war das Gebot der Stunde – ganz im Gegensatz zu den damaligen deutschen Discountern. In der ersten Zeit war das ein Problem. «Die Kunden haben gedacht, das bedeutet auch, dass es teuer ist und sind weggeblieben.» Auch viele Kollegen von Edeka, wo er später etliche Jahre Aufsichtsratsvorsitzender wurde, haben ihn nicht für voll genommen. «Wir wurden anfangs belächelt. Das hat uns aber dazu gebracht, noch mehr Gas zu geben.» Nach zwei, drei Jahren wurde die Ausdauer belohnt. Es begann zu laufen, und weitere Märkte folgten.

Hieber führt die Erfolgsgeschichte auch darauf zurück, dass er und seine Frau branchenfremd waren. «Wir haben zwar viel falsch gemacht, aber vieles auch anders. Die Hauptidee dahinter war, den Kunden als Gast zu behandeln.» Seine Frau ist Hotelsekretärin.

Im Notfall auch WC putzen

Heute steht Hieber für grosszügige, helle Läden mit breiten Gängen, einem grossen Angebot an regionalem Gemüse und Früchten, viel frischem Fisch, Fleisch- und Wursttheken wie ein umfangreiches Käse-Angebot. Acht Prozent des Umsatzes steuert der Wein bei. Hiebers Ansprüche sind hoch: «Sauberkeit, Ordnung und Disziplin: Wir wollen alles perfekt machen. Das leben wir den Mitarbeitern auch vor.» Im Notfall müsse man auch einmal bereit sein, das WC selbst zu putzen.

Gerade hat der Lörracher Markt mit seinen 56'000 Produkten die nationale Auszeichnung Supermarkt des Jahres erhalten – das sechste Mal ging der Preis an Hieber.

Schweizer Kunden habe er schon vor Beginn des Einkaufstourismus gehabt. Sie seien nicht die typischen Schnäppchenjäger. Dazu passt, dass Etliche sich den grünen Zettel zur Mehrwertsteuererstattung gar nicht ausstellen lassen.

Hieber liebt den Kontakt zu Menschen. Das zeigt auch der Gang durch den Lörracher Markt, wo er alle paar Meter freundlich jemanden grüsst. Ärger möchte man dennoch nicht mit ihm bekommen. «Mein Erfolgsrezept ist, einmal mehr aufzustehen als hinzufallen.» Als grösste Gefahr sieht er Zufriedenheit. «Das ist der Anfang der Faulheit. Wer übermütig wird, gefährdet den Erfolg.» Noch heute ist er regelmässig mit dem Rennvelo unterwegs.

Gutes Verhältnis zum Sohn

Vor neun Jahren hat sein Sohn Dieter die Leitung der Kette übernommen. «Ich habe ihm gesagt, dass ich zu meinem 72. Geburtstag wissen will, ob er für mich weitermacht. Sonst würde ich das Geschäft verkaufen.» Dazu musste es nicht kommen. Nachdem es die ersten beiden Jahre manchmal etwas knirschte, sei das Verhältnis zwischen Vater und Sohn heute so gut wie noch nie. Ganz zurückgezogen aus dem Geschäft hat sich Jörg Hieber aber nicht. «Mein Sohn hat mich ausdrücklich gebeten, mit dem weissen Kittel weiter in die Märkte zu gehen. Für die Mitarbeiter sei ich sowieso weiter der Patron.» Vielleicht 30 Prozent würde er noch arbeiten, schätzt Hieber. «Ich komme aber nur, wenn ich Lust habe.» Eines macht er aber jeden Tag: sich die Umsatzzahlen anschauen. «Das ist mein Lebenselixier.»

Die grössten Hieber-Märkte befinden sich mit 3500 Quadratmetern in Lörrach und Grenzach. «Der Supermarkt der Zukunft wird mit 2000 bis 2500 Quadratmetern kleiner sein», prophezeit Hieber. Zehn Prozent des Umsatzes würde in Zukunft vom Online-Handel abgezogen, Fragen wie Tierhaltung, Allergien, Erzeugungsort und -art wie Inhalt der Produkte würden stets wichtiger. Mit seinen vier Lädele setzt Hieber auch auf kleinere Dorfläden. Sie dienen der alltäglichen Nahversorgung und nicht dem Grosseinkauf. Geld verdienen lässt sich auch damit.