Max ist schwul und wird deshalb in der Klasse gemobbt, auch von Lehrern. Dave ist Max’ Kollege. Er zeigt Zivilcourage, steht auf und stellt sich hinter Max. So die Handlung des Spielfilms von Nora Luz. Die 16-jährige Sissacher Gymnasiastin hat es mit ihrem Streifen an die Schweizer Jugendfilmtage geschafft, die von heute bis Sonntag in Zürich durchgeführt werden.

Der Kurzfilm «Über die Linie» ist die Abschlussarbeit, die Nora Luz 2018 während ihres letzten Schuljahrs in der Sek Gelterkinden gemacht hat. Auf die Geschichte dazu – sie trägt den Titel «Frank und Arnold» – ist die Schülerin im Internet gestossen. «Ich bin nicht so gut im Erfinden von Geschichten», sagt Luz. Wer sie verfasst hat, ist nicht bekannt, kein Autor ist angegeben. Die Sissacherin erarbeitete aus der Kurzgeschichte ein Drehbuch, taufte die Männer um und verfilmte dieses. «Ich wollte schon lange einen Kurzfilm drehen», erzählt sie, «zuvor machte ich kleinere Videos.»

Gedämpfte Erwartungen

Im Spätherbst bewarb sich Nora Luz für die Schweizer Jugendfilmtage, das grösste Festival für junge Filmemacher in der Schweiz. «Danach vergass ich das komplett wieder, bis ich Anfang Jahr eine Mail kriegte.» Der Film von Luz, die in Liestal ihr erstes Gymnasialjahr mit Schwerpunkt Bildnerisches Gestalten absolviert, ist in dieser Kategorie neben neun anderen aus 50 eingegebenen Projekten ausgewählt worden. Insgesamt fanden 43 Filme in fünf Kategorien Aufnahme ins Programm. Nora Luz’ Werk dauert achteinhalb Minuten und konkurriert in der Kategorie A. Diese umschreibt sich so: Produktionen von Jugendlichen bis 16 Jahre, die von Einzelpersonen, Gruppen von Jugendlichen oder in Begleitung von Erwachsenen hergestellt wurden.

Der Film der Sissacherin ist an den Schweizer Jugendfilmtagen zweimal zu sehen: morgen Donnerstag und am Abschlusstag. Beide Male wird Luz im Publikum sitzen. «Ich habe nicht so hohe Erwartungen», wägt sie ab und fügt an: «Es wäre aber schön, einen Preis zu gewinnen.» Gespannt ist sie, wie die Zuschauerinnen und Zuschauer auf ihren Streifen reagieren werden.

Die Jungfilmerin realisierte ihr Vorhaben fast im Alleingang: Regie, Produktion, Kamera – alles selber. Ein Sekundarlehrer stand ihr als Projektcoach zur Seite. Die Eltern und ihre beiden Schwestern unterstützten sie und waren teils bei den Dreharbeiten dabei. «Aber professionelle Hilfe hatte ich nicht», betont die 16-Jährige. Für ihr Projekt benötigte die Oberbaselbieterin mehrere Monate, im vergangenen Mai schloss sie es ab. Die Anzahl Stunden, die sie aufgewendet habe, könne sie nicht beziffern, berichtet Nora Luz.

Für sie war die Suche nach Schauspielern eines der grössten Probleme; das hatte sie nicht erwartet. «Ich fragte alle Knaben, die ich kannte. Schliesslich fand ich zwei Klassenkollegen. Diese waren von meiner Absicht überzeugt, was mich überraschte», erzählt Luz. Sie machte sich auch Gedanken darüber, einen Film zu drehen über ein lesbisches Mädchen, das gemobbt wird. Vielleicht hätten sich eher Schauspielerinnen finden lassen. «Aber ich habe das Gefühl, dass das Thema Mobben bei den Knaben noch ein Stück schwieriger ist.»

Am liebsten hat die Baselbieterin Filme, die «echt» sind: Dramas, Sozialkritisches. Weniger angetan ist sie von Science Fiction und Fantasy. Sie geht gerne ins Kino, in letzter Zeit allerdings viel zu wenig. «Man schaut die Filme anders an, wenn man schon mal einen produziert hat. Du achtest dich auf ganz viele Sachen, über die du dir zuvor gar keine Gedanken gemacht hast», analysiert Nora Luz.

Ob ihre Zukunft in der Filmbranche liegt, lässt sie noch offen. Für sie sei es eine Option, nach dem Kunstgym Film zu studieren. «Das würde ich mega gerne tun.» Träumt sie bereits von einem Oscar? «So weit kann man nicht denken mit 16 Jahren», antwortet sie. Nora Luz erzählt schmunzelnd, wie ihre Schwester zu ihr gesagt habe: «Wenn du einen Oscar gewonnen hast, kann ich das Gym abbrechen.» Der jungen Frau ist aber bewusst, dass Filme machen ein hartes Pflaster ist, wo man kaum Geld verdienen kann. Deshalb ist sie sich noch nicht sicher, ob sie diesen Weg einschlagen will.

   

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