Vor Jeremy Nedd, dem Zentrum dieses Soloabends, bildet sich eine Schlange. Das ist logisch, denn der Künstler macht die Kasse selbst. Drinnen im Saal sitzen alle Zuschauer verhalten an der Wand. Es läuft Lounge-Musik. Sie lässt sich am ehesten als laid-back beschreiben und die Begrüssung des Performers, mit der erst allen klar geworden ist, wer ihnen vorher das Wechselgeld gegeben hat, ist ebenso laid-back: «Hello, hello. Let’s just talk about, what we are going to do tonight...»

Jeremy Nedd bittet die Leute aufzustehen. Er leitet Atemübungen an. Abklopfen der linken Körperhälfte, dann Abklopfen der rechten. Man wähnt sich in einer Yoga-Stunde. Achtung Mitmachtheater! Nur wer Kultur nicht mit einem gepolsterten Sitzplatz gleichsetzt und Englisch versteht, kann und sollte sich auf «Communal Solo» einlassen. «Communal Solo» ist so viel mehr als eine Yoga-Stunde. Von Yoga angehaucht sind bloss die ersten zehn Minuten. Bald stellt Nedd den Raum mit Kram voll: In dieser Ecke brenne ein «Lagerfeuer», da seien «Jetskis für alle» und dort an der Wand hänge das «Basquiat-Gemälde ‹Vogel auf Geld›». Als der Raum bereits hundertfach mit Luxus und Krimskrams zugemüllt ist, den seine Worte erschaffen, beschreibt Nedd, was unter dem «Marmorboden» liegt: ein gebrochener Wille, Champagner, Vorurteile.

Ruhe, Körperspannung. Der sympathische Gastgeber wird verletzlich, als er zu sprechen aufhört und zum Körperkünstler wird. Indie-Gitarren setzen ein, UV-Licht. Nach all den gemeinsam verlebten Phasen weiss das Publikum Nedds Verhalten ebenso zu deuten, wie Lichtstimmungen und Musikwechsel: Die meisten Zuschauer setzen sich sofort, einige legen sich hin. Nedd – mittlerweile auch am Boden - klopft seinen Körper ab. Wie es in den ersten Minuten des Abends alle getan haben. Aber Nedd klopft mit Gewalt; seine Bewegungen deuten Selbstverletzung an.

Dann Transformation Nummer 3: Auf den zugänglichen Gastgeber und den verletzlichen Künstler folgt der Profi-Choreograf. Nedd findet von der Autoaggression zum Moonwalk – und tanzt fortan. Mehrere Jahre arbeitete Nedd unter anderem für das Ballett Basel und die Dresdner Semperoper. «Communal Solo» ist bereits seine zweite eigene abendfüllende Produktion im Roxy Theater.

Nedd tanzt nicht anders als andere Bühnen- oder Strassenkünstler, aber er tanzt erst, nachdem er so viele Seiten seiner (Bühnen-)Persönlichkeit preisgegeben hat. Beim Betrachten ergänzt man die Choreografie mental um Nedds Verletzlichkeit: Man denkt an den Gastgeber zu Beginn, laid-back war der – verbarg sich dahinter Depression? Man prüft Nedds Bewegungsfluss auf Hinweise, ob sie eher Ventil oder Kostüm für seine verzweifelte Aggression sind. Natürlich vergeblich. «Let’s just all walk around!» ist die letzte Anweisung des Abends, wieder so jovial wie am Anfang. Mit ihr erlöst Nedd von der Intimität, vom Mit-Leiden. Sofort Normalität. Die Leute sprechen miteinander. «Communal Solo» endet mit Wein, Bier und Gemeinschaft im Roxy-Saal.

Weitere Aufführungen:
17. Mai, 25., 26., 27. Mai.
Roxy, Birsfelden.