«Die Fahrt mit dem Bürgerbus ist immer etwas Besonderes. Es gefällt mir zum Beispiel sehr, wenn Fahrgäste und Fahrer gemeinsam singen», berichtet die 76-jährige Gisela Eisele aus Wendlingen am Neckar (D). In der Kleinstadt mit 15'600 Einwohnern betreiben Bürger eines von 40 ehrenamtlich organisierten Bus-Systemen in Baden-Württemberg. Freiwillige Fahrer bedienen mit dem Wendlinger Bürgerbus von Montag bis Samstag stündlich 43 Haltestellen – ein Vorbild für die Nordwestschweiz, wo aktuell die Gemeinde Bennwil als Reaktion auf den kantonalen Spardruck über den Aufbau eines Bürgerbusses nachdenkt?

Das Zitat der singenden Seniorin findet sich auf der Website «Neue Mobilität Baden-Württemberg». Das Ländle hat 2014 ein «Kompetenzzentrum innovative Angebotsformen im öffentlichen Personennahverkehr» gegründet – nicht zuletzt, um Bürgerbusse zu fördern. «Der demografische Wandel verändert die Mobilitätsbedürfnisse der Menschen und die steigenden Energiekosten verteuern das traditionelle Angebot. Das führt vor allem im ländlichen Raum zu Problemen. Hier müssen neue, marktfähige Angebote entwickelt werden», schreibt der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann.

In Deutschland: Bürgerbewegung

So neu ist das Konzept Bürgerbus aber nicht: Seit den 80er-Jahren betreiben Freiwillige, die sich dafür in Vereinen organisieren, in Deutschland Bürgerbusse. Anschubfinanzierung für den Kauf des Busses kommt in der Regel von der Kommune. Die laufenden Kosten müssen die Vereine mit den Fahrpreisen, Werbung, Bürgerbus-Sommerfesten und ähnlichen Aktivitäten selbst erwirtschaften.

Fahrer-Stammtisch, Einladung zum Kaffee und soziale Anerkennung ist alles, was die Fahrer bekommen. «Ein gemeinsam auf die Beine gestelltes Bürgerbusprojekt ist ein verbindendes Element und zugleich ‹rollendes Kommunikationsmittel› für Fahrgäste und Fahrer», heisst es im 68-seitigen Leitfaden zur Gründung von Bürgerbussen, den Baden-Württemberg herausgegeben hat. «Wenn Witze im Bus erzählt werden, ist es auch schon vorgekommen, dass der Bus an einer Haltestelle bis zum Ende des Witzes warten musste», berichtet der Wendlinger Bürgerbusfahrer Jürgen Steffen.

In der Schweiz: Lückenschliesser

Diese Basisnähe haben Schweizer Bürgerbusse nicht übernommen. So werden im Kanton Bern die Fahrer bezahlt. Dabei sind «unkonventionelle Betriebsarten wie Bedarfs- oder Bürgerbusse, Sammeltaxis und dergleichen» in der Berner Verordnung zum öffentlichen Verkehr verankert und somit auch Teil der offiziellen Verkehrspolitik.

Einerseits müssten Gebiete mit einer bestimmten Anzahl an Einwohnern und Arbeitsplätzen mit öV erschlossen werden, berichtet Christian Aebi, Vorsteher des Berner Amts für öffentlichen Verkehr und Verkehrskoordination. Andererseits muss eine öV-Linie einen minimalen Kostendeckungsgrad erreichen. «Besteht nun für eine Region zwar die Erschliessungspflicht, ist aber die öV-Versorgung zu unrentabel, dann kann ein vom Kanton mitfinanzierter Bürgerbus diese Lücke schliessen.»

Dabei reduziere sich der Kantonsbeitrag auf rund ein Drittel dessen, was er für eine konventionelle öV-Linie bezahlen müsste. «Die Kosten der Bürgerbusse sind geringer und ein Teil der administrativen Arbeiten werden hin zu den Gemeinden verlagert. Die Alternative wäre jedoch: keine öV-Anbindung», kommentiert Aebi.

Gemeinde kauft neuen Bus

Die Gemeinden Walperswil, Epsach, Täuffelen und Aarberg im Berner Seeland waren nach der Stilllegung der Postauto-Linie nicht mehr ans öV-Netz angebunden. Zusammen betreiben sie nun seit über zehn Jahren mit fünf Pensionierten, die fahren, den Weta-Bürgerbus. Kurz vor Weihnachten hat die Gemeindeversammlung Walperswil 120'000 Franken für den Ersatz des Busses, der eine Viertelmillion Kilometer hinter sich hat, bewilligt.

Was von unten finanziert wird, kann auf örtliche Bedürfnisse eingehen: So wurde die Weta-Linie in Aarberg über den Bahnhof hinaus zum Spital verlängert. Die Walperswiler Gemeindeschreiberin Susanne Wahl berichtet, der Bus werde auch regelmässig für Altersheimbesuche benutzt.

Die Orientierung an lokalen Bedürfnissen betont auch der Baden-Württemberger Leitfaden: «Die Erfahrung zeigt, dass Bürgerbusse oft Vorteile gegenüber anderen Formen des öV haben, weil sie die örtlichen Bedingungen (etwa Standorte und Öffnungszeiten von Geschäften, Arztpraxen, wichtige Veranstaltungen usw.) kennen und berücksichtigen.» Das kann so weit gehen, dass man zwecks Finanzierung mit Läden zusammenarbeitet: Diese kaufen Bürgerbus-Billetts und geben sie – anstelle von Gratis-Parkiertickets – Kundinnen ab.

Den Wert des Dorfs erhalten

Auf eine solche Lösung hat man beim Bürgerbus Gondiswil – Huttwil (BE) bewusst verzichtet: «Gondiswil will den eigenen Dorfladen erhalten», berichtet Bürgerbus-Präsident Adrian Wüthrich. Hingegen sei es gelungen, den ElektroveloHersteller Biketec einzubinden, da dieser daran interessiert war, für Besucher per öV erreichbar zu sein.

In Gondiswil war die Schliessung der Haltestelle an der S-Bahnlinie Huttwil– Wolhusen der Auslöser für einen Bürgerbus. Zuvor hatte sich ein Rufbus als zu teuer erwiesen. So habe man sich mit einem Garagisten geeinigt, der nun den Bus mit seinem Personal fährt. «Ohne öV-Anbindung hätte Gondiswil die Bauzone vergessen können.»

Zwischen 7 und 19 Uhr verkehrt der Bus stündlich, jede zweite Stunde aber nur nach telefonischer Anmeldung. An die Kosten von jährlich 132 000 Franken bezahlen die Gemeinden Gondiswil und Huttwil je 20 000, der Kanton Bern 81 000 Franken. Der Rest wird aus Werbung, Sponsoring und Billett-Verkäufen bestritten. Der Kostendeckungsgrad inklusive Werbung beträgt aktuell 22 Prozent.

Der Bürgerbus Gondiswil ist – im Gegensatz zu Walperswil – nicht ins allgemeine Tarifsystem integriert, Halbtax, Generalabo und Tarifverbundtickets gelten nicht.

Abgelegene Ortsteile versorgen

Tarifmässig ebenfalls eine Insellösung stellt der vor allem von Gemeinden finanzierte Bürgerbus «Kröbu» im Emmental dar: Der Kanton zahlt nur an die Schülerbus-Kurse. Im Weiler Kröschenbrunnen am südlichen Zipfel der Gemeinde Trub wohnen zuwenig Menschen, als dass der Kanton zur öV-Erschliessung beitragen müsste.

Die ausgedehnte Gemeinde – mit 62 Quadratkilometern ist sie mehr als anderthalb mal so gross wie Basel-Stadt – mit 1350 Einwohnern hat die Zahl ihrer Schulhäuser von sechs auf zwei reduziert. Der Schulweg von Kröschenbrunnen in die Nachbargemeinde Trubschachen ist aber zu gefährlich für Velos. Der Kröbu bedient zudem den Ortsteil Dürrenbach der Luzerner Gemeinde Escholzmatt.

«Unser Bus fährt mit einem Kostendeckungsgrad unter 10 Prozent», berichtet der Truber Gemeindeschreiber Ernst Kohler. Das Defizit belaufe sich auf rund 43'000 Franken im Jahr.

Hier wird ein weiterer Unterschied zu den deutschen Vorbildern deutlich, auf den auch Aebi als Leiter des bernischen Amts für öV hinweist: «In Deutschland fahren Bürgerbusse in Siedlungsgebieten, die in der Schweiz noch mit dem konventionellen öV erschlossen sind.» In der Tat ist ein Wendlinger Bürgerbus-System mit über 40 Haltstellen in einer Kommune der Grösse von Liestal nicht vergleichbar mit einem Bürgerbus, der entfernte Weiler oder eine kleine Gemeinde wie Bennwil versorgt.