Eigentlich ist man des Stücks überdrüssig, doch es wird wieder und wieder aufgeführt: Eine Firma wird ins Ausland verkauft, und ein paar Jahre später entscheidet eine ferne Konzernzentrale, den Betrieb in der Schweiz einzustellen. Die jüngste Inszenierung spielt in Pratteln, Regie führt der Münchner Gas- und Technologiekonzern Linde AG, der 2014 weltweit 17 Milliarden Umsatz und 3,9 Milliarden Euro Gewinn machte. Geschlossen wird auf Ende Mai die Technologiefirma Bertrams Heatec, die auf dem Buss-Areal beim Bahnhof 35 Arbeitsplätze bietet.

«Die Auftragslage der Bertrams Heatec AG entwickelte sich aufgrund des starken Schweizer Frankens und der eingetrübten konjunkturellen Entwicklung, verbunden mit einem deutlichen Rückgang der Investitionsbereitschaft, seit Mitte 2014 stark rückläufig», begründet Linde-Sprecher Matthias Dachwald den Entschluss, die Prattler Tochterfirma aufzulösen.

Verkauf kam nicht zustande

Der Verband «Angestellte Schweiz», bezweifelt, dass die Schliessung zwingend sei. Dessen Geschäftsführer Christof Burkhard hat die Mitarbeiter bei den Sozialplanverhandlungen im Konsultationsverfahren beraten, das am 7. Dezember eröffnet wurde. Fazit: «Trotz zahlreicher Sitzungen, guten Vorschlägen und ausserordentlichem Einsatz der Arbeitnehmenden zugunsten einer Fortführung des Betriebs will die Eigentümerin Bertrams Heatec lieber schliessen als verkaufen.»

Es gab einen potenziellen Käufer. Dieser hat sich im Rahmen einer Due Diligence, der bei Firmenübernahmen üblichen Risikoprüfung, mit den Angestellten unterhalten. Und er kennt die Firma von früher: Georges Burki hatte 1999 die vormalige Bertrams Konus aus der Muttenzer Bertrams-Gruppe herausgekauft, die sich in Nachlassstundung befand. Burki hat sich mehrfach als Investor dadurch ausgezeichnet, dass er Industriebetriebe restrukturierte, anstatt sie zu liquidieren.

Linde-Sprecher Dachwald berichtet, der Mutterkonzern habe 2015 einen Käufer gesucht. «Die Verhandlungen wurden im Wesentlichen aufgrund der unsicheren Zukunftsaussichten erfolglos beendet.» Zu weiteren Verhandlungen kam es während des Konsultationsverfahrens mit dem von den Arbeitnehmern genannten Burki. «Zur Unterstützung des Verkaufs wurde das operative Geschäft inklusive Akquise neuer Kunden und Aufträge zunächst regulär weitergeführt», erklärt Dachwald. «Die Verkaufsverhandlungen wurden jedoch Mitte Februar 2016 ergebnislos beendet.» Burki will sich dazu nicht äussern, da Vertraulichkeit vereinbart wurde. Allerdings meint er: «Hätte ich keine Chance gesehen, wäre es zu keinen Verhandlungen gekommen.»

Know-how geht verloren

Der Region geht – ausser 35 Arbeitsplätzen – eine Technologie-Perle verloren: Viele chemische Prozesse erfordern Wärme. Dabei dürfen feuergefährliche Stoffe nicht in Kontakt mit dem Erhitzer kommen. Deshalb wird für die Übertragung der Wärme ein Medium wie beispielsweise Öl eingesetzt. Bertrams Heatec konzipiert, konstruiert, installiert und wartet solche Anlagen rund um den Globus. Dabei beherrscht das Prattler Team aus Ingenieuren und Technikern auch die Übertragung von Wärme in thermischen Solarkraftwerken mittels Flüssigsalz – eine Zukunftstechnologie.

«Ein Engineering-Unternehmen besteht hauptsächlich aus Know-how, Goodwill und Mitarbeiterloyalität. Dieses in Jahrzehnten aufgebaute Kapital soll nun unwiederbringlich ausgelöscht werden», bedauert Burkhard. «Hätte man Bertrams Heatec Konkurs gehen lassen, hätte die Möglichkeit bestanden, im Rahmen einer Nachlassstundung einen Neubeginn zu versuchen.» Dabei könnten Fehler sichtbar werden: «Linde hat ein rentables Unternehmen gekauft. Nach Einschätzung der Angestellten Schweiz wurde es durch unverhältnismässige Gemeinkostenabführungen und auferlegte Strategiewechsel ausgeblutet.»

Das kantonale Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit ist eingeschaltet, führte im Januar vor Ort eine Informationsveranstaltung durch und unterstützte auch die Erarbeitung des Sozialplans.