Plötzlich ist es totenstill, das Hundegebell verstummt, im Schatten einer fast kahlen Buche nur der zarte Herbstwind und fallendes Laub, das bald lautlos, bald raschelnd den weichen Waldboden erreicht. «Da», flüstert Jagdleiter Luigi Coletti, der schon als Neunjähriger Wild durch die Wälder trieb, und zeigt den Hang hoch. 30 Meter entfernt flieht ein Reh, aufgescheucht durch Luigis Jagdhund Miro, durch das Unterholz auf den Grampelenstock ob Tecknau. Dann verharrt das Wild, 30 Meter entfernt ein Schrotgewehr im Anschlag. Unverhofft lässt Luigi das Gewehr plötzlich sinken, und schon zieht das Tier weiter, 150, 200 Meter dahinter Miro, der endlich das tut, was ihn zuvor in den Wald getrieben hat: das Treiben.

Es ist Jagdtag in Tecknau, einer von mehreren während der Treibjagd, die auch laute Jagd heisst, weil die Jäger nicht nur lautlos ansitzen wie gewöhnlich, sondern weil ihnen Treiber die Beute in die Schussbahn scheuchen. Die Jagdgesellschaft Tecknau ist ein kleiner Verein. Vier Pächter teilen sich den Wald zur Bejagung, Freiwillige helfen beim Treiben, daneben zwei Hunde.

Zuerst gibts Kaffee

Einer der beiden ist Miro, Mischling aus drei Jagdhunderassen. Er ist der aufgeregteste der Gruppe, die sich – olivgrün und winterlich gekleidet – in morgendlicher Frühe in Luigis Jagdhäuschen trifft. Unter Rehgeweihen und Porträts verdankter Jagdgenossen beginnt der Jagdtag mit Kaffee und Läckerli. Plötzlich bellt Miro los: Die Katze vor dem Fenster rettet sich auf die Föhre im Garten.

Minuten später hält Jagdleiter Luigi Coletti die Begrüssungsansprache, den Hut hält er vor der Brust. Jagen ist nicht nur Hobby, Jagen ist Ritual, ist Tradition, ist Berufung und gesetzliche Verpflichtung, ist Herzensangelegenheit – und beim Jagen sind alle per Du. Zur Begrüssung nehmen alle den Hut vom Kopf, lauschen Luigis Plänen, dann wünscht man sich Weidmanns Heil. Nach einer wilden Fahrt im Pinzgauer ist man auch schon da, wo des Jägers Herzen höher schlägt: im Wald. Auf Luigis Anweisung verteilen sich die Schützen, strategisch wählen sie ihre Ansitze, auf dass sie potenzielle Wildwechsel in der Schussbahn haben und dem obersten Gebot, der Sicherheit, stets nachkommen. Dann bläst Luigi ins Horn, um den Trieb freizugeben.

Schiessen ist 1 Prozent

«Das Schiessen», sagt der Jagdleiter, «ist allerhöchstens ein Prozent der Jagd.» Die ganze Vorbereitung, die Verbundenheit mit der Natur, die Nähe zum Wald, die Kameradschaft schliesslich: Das seien die Essenzen, die die Jagd so besonders machten. Darum kann er sogar lächeln, nachdem ihm das Reh entwischt ist. Bäume versperrten ihm teilweise die Schussbahn, ausserdem war es ein Bock, der sein Gehörn bereits abgestossen hat und also nicht mehr geschossen wird. «Bei uns gibt es keinen Abschuss um jeden Preis», kommentiert Luigi.

Zwei Rehe und einen Fuchs später breiten die Jäger ihre Wildstrecke aus. Es wird sinniert, philosophiert, den Erlegten, aus Respekt, ein Zweiglein auf den Bauch gelegt. «Weidmannsdank» heisst es, dann folgt das Verblasen, die Hüte werden gesenkt, die Horne ertönen. Ganz kurz ist es totenstill. Dann setzt man sich ans Feuer – mit einem Bier und Schulter an Schulter mit dem Nächsten.