Es ist schlicht unmöglich, dieses Gebäude zu übersehen. Wer sich mit dem Auto dem gelben Balken mit den grossen Bullaugen-Fenstern zum ersten Mal nähert, der denkt sich wohl: «Wie hässlich!», oder «Wow, spezielle Form!». Nicht wenige dürften sich auch bestätigt fühlen im ersten Augenblick: «Ich habs doch gewusst: Wir sind nicht alleine im All!»

Gleichgültig bleibt niemand, wenn er oder sie die Autobahn-Raststätte Pratteln erblickt. Doch selbst riesige Bullaugen helfen nicht gegen den harten Franken. Zwar ist Pratteln laut dem Unternehmen Autogrill immer noch die umsatzstärkste der sieben Raststätten, die es in der Schweiz betreibt. Doch immer öfter drücken Autofahrer aufs Gas: Statt bei der 1978 eingeweihten Architektur-Ikone anzuhalten, brausen sie unter ihr durch, vor allem Ausländer. Jetzt könnten es Reisegruppen richten – Touristen aus Asien, die mit dem Car Europa abklappern: Sie sollen in Pratteln einen Halt einlegen.

Vor zwei Jahren hat Autogrill damit begonnen, Aushänge in Mandarin zu beschriften. Eine Mitarbeiterin steht bereit, um die Gruppen in Empfang zu nehmen und durch die Läden zu führen. «Sie kommt aus China», sagt Frank von Arx, Geschäftsführer der Prattler Raststätte, oder Area Manager, wie das bei Autogrill heisst. «Sie spricht Mandarin und Kantonesisch. Mittlerweile hat sich unser Angebot herumgesprochen: Reiseveranstalter planen jetzt gezielt einen Halt bei uns ein.»

Wo Swissness noch zieht

Von Arx gleicht ein wenig dem früheren Radrenn-Profi Alex Zülle: blaue Augen, die braunen Haare nach vorne frisiert und in der Mitte aufgestellt, sportliche Halbrand-Brille. Während der Solothurner von der Übersetzerin erzählt, liefert die Rolltreppe – als wäre das arrangiert – eine Gruppe Chinesen an. Zum Stimmengewirr in der Passerelle gesellt sich ein weiteres Idiom. Eine ältere Dame mit einer Gucci-Handtasche und Sonnenhut stürmt zur Toblerone-Ecke. Sie braucht keine Übersetzerin, bei der Auslage des Restaurants sind deren Dienste jedoch gefragt. Aktuell im Angebot: frisch gepresste Fruchtsäfte, Erdbeer, Orange, Mango. «Für die Chinesen ist das hier alles meist sehr fremd», sagt von Arx. «Sie schätzen es, wenn sie jemanden haben, an den sie sich wenden können.» Und wenn sie sich wohlfühlen, konsumieren sie auch kräftig. Und Pratteln spielt geschickt einen weiteren Trumpf aus: Swissness. So darfs auch ein bisschen teurer sein.

Hauptpublikum von Autogrill Pratteln bleiben aber weiterhin Lastwagenfahrer. Hamburg–Genua ist eine Hauptschlagader Europas, die A 2 ihr Herz. Die Nord-Süd-Verbindung ist aber auch bei Automobilisten beliebt. Halb Deutschland wählt die Route für die Fahrt in die Sonne oder in die Skiferien. Die nächstgelegene Zählstelle Muttenz-Hard erfasst rund 130 000 Durchfahrten pro Tag – der zweithöchste Wert aller Autopisten Helvetiens. «Wir spüren es sofort, wenn in grossen deutschen Bundesländern die Sommerferien beginnen», sagt von Arx. Er hat deshalb die deutschen Ferienkalender im Kopf, ebenso diejenigen von Holland, Belgien und Frankreich.

Zigarren und «Burger King»

Um die Reisenden trotz starkem Franken an der Stange zu halten, müsse Autogrill etwas bieten, sagt von Arx. Der schlanke 50-Jährige führt durch die Ladenpassage – wie jemand, der einem Gast die Wohnung zeigt. An diesem Freitagmittag gibt es fast kein Durchkommen mehr, es ist Hauptreisezeit. Auf einer Länge von 85 Metern spannt sich die Konstruktion über die sechsspurige Autobahn.

Auf der Brücke und in den beiden Sockelbauten finden insgesamt 14 Shops und Restaurants Platz, ebenso eine Geldwechselstube und ein «Burger King». Rund 200 Personen bietet die Raststätte einen Job.

Alles ausser Sexspielzeug

Von Arx steuert auf das Tafelsilber zu: Jetzt lädt er in den Humidor, in dem man durch Regale voller Zigarren schreiten kann. Ein Shop wartet mit Fondue-Käse auf (von Arx: «Viele kommen extra deswegen zu uns»), und schon von Weitem kündigt sich die Holzofen-Bäckerei an: Es riecht nach frisch gebackenem Brot.

Autogrill betreibt alle Geschäfte auf der Raststätte selbst – mit einer Ausnahme, wie der Geschäftsführer betont: Der Sexshop «Magic X» im Südflügel ist eigenständig. «Das ist einfach nicht unser Kerngeschäft.»

Das Herzchen im Schaum

Auch wenn vielen Ausländern die Schweiz zu teuer geworden ist: Es ist kaum vorstellbar, dass auf der «Shoppingbrücke», wie die Raststätte auch genannt wird, je Ruhe einkehrt. «Dochdoch!», sagt von Arx. Wenn die letzten Läden schliessen würden, also ab 11 Uhr nachts, leere sich die Passage. Und im November gehe es ebenfalls eher gemächlich zu und her – das sei der umsatzschwächste Monat. «Die Ski-Touristen kommen erst ab Dezember, und die Cars zu den Weihnachtsmärkten sind auch noch nicht unterwegs.» Die Stammgäste und die LKW-Fahrer würden dann beinahe unter sich bleiben.

Nicht zuletzt wegen des Kaffees würden sie immer wieder nach Pratteln zurückkehren, weiss von Arx. Denn der Kaffee sei ganz wichtig bei Autogrill: «Wir sind eine italienische Firma. Unsere Mitarbeitenden werden extra geschult in der Kaffeezubereitung: Wer bei uns einen Cappuccino bestellt, der hat ein Herzchen im Schaum, immer.»