Die Firmen umgingen dies aber mit der Auslagerung der Produktion nach Asien.

Vor 25 Jahren herrschte beim Schweizerhalle-Brand Weltuntergangs-Stimmung, der Rhein galt als tot – und heute ist er ein bei Jung und Alt beliebter, als sauber geltender Bade-Fluss. Hat man damals einfach schwarzgemalt?

Martin Forter: Nein. Das war keine Schwarzmalerei, sondern ein böses Erwachen. Schweizerhalle war eine Zäsur: Der Unfall hat gezeigt, dass es so nicht weitergehen kann – und dass vieles hätte verhindert werden können. Die Verantwortlichen haben um das Risiko gewusst. Die Zürich-Versicherung wollte die Halle wegen des zu hohen Risikos nicht versichern. Darum ist die Sandoz zu einer weniger kritischen Versicherung gewechselt. Die Katastrophe wurde so natürlich nicht verhindert.

Trotzdem: Der für tot erklärte Rhein hat sich rasch erholt.

Das ist eine relative Frage. Damals war der Rhein grundsätzlich in einem schlechten Zustand. Erst vier Jahre vor dem Brand waren in Basel-Stadt überhaupt Kläranlagen in Betrieb gegangen. Diesbezüglich sieht es heute natürlich besser aus. Doch eine Kläranlage klärt zwar, aber sie macht nicht sauber. Heute haben wir darum einfach andere Probleme.

Nämlich?

Heute haben wir zwar Stoffe in viel kleinerer Konzentration im Wasser, doch es sind dafür sehr viele Substanzen. Dazu gehören Hormone wie die Antibaby-Pille, aber auch zahlreiche andere chemische Substanzen in grossen Mengen wie etwa Plastikweichmacher. Das sind zwar keine Hormone, aber sie können auf die Lebewesen so wirken. Die Folgen davon können die Verweiblichung der Fische und Unfruchtbarkeit von Lebewesen sein.

Welche Folgen der Sandoz-Katastrophe stellt man heute noch fest?

Erstens: die Fremdpopulationen im Rhein. Denn nachdem das Gift im Rhein die meisten einheimischen Lebewesen getötet hat, haben zum Teil Exoten die fast leere Nische besetzt – und den einheimischen Arten die Rückkehr erschwert oder verunmöglicht. Zweitens laufen immer noch Schadstoffe aus dem damaligen Sandoz-Gelände ins Grundwasser.

Jährlich bis zu 3,5 Kilo, wie lokale Politiker kürzlich in einem Brief an Novartis-Chef Daniel Vasella schrieben – und darum die Sanierung des Geländes forderten.

Genau. Abgemacht war ursprünglich, dass nicht mehr als ein halbes Kilo ins Grundwasser fliessen darf. Die Sandoz hat damals nicht alles ausgehoben, sondern den Boden gewaschen, wieder in die entstandene Grube eingefüllt und mit einer Betonplatte verschlossen. Eigentlich hätte eine Auffangwanne gebaut werden müssen; in Absprache mit dem Kanton hat man dies aber fallen lassen. Die Behörden haben das Gelände kürzlich als «nur überwachungsbedürftig» eingestuft. Damit haben sie diesen Zustand sogar noch legalisiert.

Naiv gefragt: Warum tun die Behörden so etwas? Warum sollten sie das Ganze beschönigen wollen?

Warum haben sie 17 Jahre lang nichts gemacht und nicht auf der abgemachten Sanierung bestanden? In einem Vierteljahrhundert geht eben viel vergessen.

Dem Sandoz-Unfall verdanken wir aber auch ein paar positive Errungenschaften wie etwa die Rückhaltebecken.

«Schweizerhalle» verdanken wir sogar ganz viele Errungenschaften. Die Gesetzregelung wurde verschärft; wie etwa die Störfallverordnung oder das Rheinabkommen. Auch die Rückhaltebecken sind eine nützliche Errungenschaft. Nur – und damit kommen wir zur Kehrseite dieser «Schweizerhalle-Medaille» – diese verschärften Bedingungen hatten gleichzeitig zur Folge, dass die Branche ihre Produktion zu einem grossen Teil nach Asien ausgelagert hat. Damit werden gemäss Peter Donath, ehemaliger Umwelt-Chef von Ciba, pro Kilo eines Produktes 10 bis 15 Prozent Kosten gespart. Heute findet «Schweizerhalle» jährlich mehrmals irgendwo in China oder Indien statt – halt einfach mit weniger Aufmerksamkeit. Das zeigt, dass die Branche ohne Rücksicht auf Folgen dort produziert, wo es am einfachsten ist für sie. Nachhaltig hat die Industrie aus dem Unfall gar nichts gelernt.

Könnte eine solche Katastrophe auch bei uns heute noch passieren?

Grundsätzlich ja. Die Wahrscheinlichkeit ist hauptsächlich darum gesunken, weil die Produktion ausgelagert worden ist. Doch in der Region wird immer noch mit Gefahrengut hantiert.

Das heisst, Sie bezweifeln die vorherrschende Meinung, dass Schweizerhalle ein Wendepunkt in Sachen Umweltbewusstsein war?

Ja. Es war eine Zäsur im Gesetzgebungsprozess. Auf Gesetzesebene ist viel Positives passiert. Doch heute wird in Asien nicht umweltbewusster, sondern oft sogar noch dreckiger produziert. Aber halt einfach nicht mehr bei uns.

Was kann die Gesellschaft und jeder Einzelne denn für Lehren ziehen aus der Katastrophe?

Wir müssen der Pharma- und Chemiebranche mehr auf die Finger schauen, mehr Kontrollen fordern und die Verantwortlichen nicht blind machen lassen. Schon fünf Jahre nach Schweizerhalle ist das Interesse an mehr Umweltschutz leider abgeflaut. Auf den Verwaltungen werden die Umweltbehörden heutzutage eher wieder geschwächt. Dabei wäre das «Hinschauen» der beste Weg, um eine weitere Katastrophe zu verhindern – ob hier oder in Asien.