Frau Seidel, weshalb sind psychiatrische Intensivbetreuungen nötig und wann kommen sie zum Tragen?

Elena Seidel: Sie werden immer dann angeordnet, wenn ein akut psychisch erkrankter Patient nicht mehr in der Lage ist, mit dem Behandlungsteam Absprachen zu treffen, die ihn angemessen schützen. Wir sprechen hier zum Beispiel von Personen, die nicht garantieren können, sich in der nächsten halben Stunde nichts anzutun. Dann reicht die gängige Betreuungspraxis nicht mehr aus. Normalerweise ist eine Pflegefachperson für sechs bis sieben Patienten zuständig. Bei der Intensivbetreuung erhält der Patient während 24 Stunden am Tag eine Eins-zu-eins-Betreuung.

Wer übernimmt diese Betreuung?

Da sind wir schon bei der ersten Schwierigkeit. Es fehlen verbindliche Definitionen und Rahmenbedingungen für Intensivbetreuungen. Deshalb werden sie von den verschiedenen Kliniken sehr unterschiedlich gehandhabt. Wir haben dafür einen Pool mit pensionierten Mitarbeitern, die die Intensivbetreuungen übernehmen können. Andere arbeiten zum Beispiel mit Studenten. Deshalb wären klare Definitionen wichtig: Wer darf eine solche Massnahme anordnen? Wie wird sie umgesetzt? Wie lange soll sie dauern? Und welche Qualifikationen müssen Betreuer mitbringen?

Ist die psychiatrische Intensivbetreuung auch rechtlich heikel?

Nein. Das Behandlungsteam der Klinik ist in jedem Fall dafür verantwortlich, Patienten zu schützen. Das Team entscheidet, wie eng die Betreuung hierfür sein muss. Dieser Pflicht kommen wir mit der Intensivbetreuung nach. Aber es eröffnen sich dadurch viele andere Spannungsfelder.

Zum Beispiel?

Die Massnahme nützt nur, wenn die Betreuungsperson eine tragende Beziehung zum Patienten aufbauen kann. Sie muss Zuversicht vermitteln und eine emotionale Stütze sein. Gleichzeitig ist sie verantwortlich, dass der Patient rund um die Uhr überwacht ist. Es ist eine Gratwanderung zwischen strengem Überwachen und dem Aufbauen eines Umfelds, in dem sich der Patient getragen fühlt. Denn dieser hat bei der Intensivbetreuung fast keine Privatsphäre mehr. Die Betroffenen können sich eingeengt oder eingesperrt fühlen.

Wie häufig müssen solche Intensivbetreuungen angeordnet werden?

Das ist von Klinik zu Klinik unterschiedlich. Wir sind sehr zurückhaltend und nutzen sie als letzte Massnahme. Wir müssen sie etwa ein bis zwei Mal pro Monat anordnen und beschränken die Intensivbetreuung jeweils auf maximal drei Tage. Denn es gibt wissenschaftliche Evidenz, dass die Massnahme nach rund drei Tagen ihre Wirkung verliert.

Und an diese Maximaldauer kann man sich immer halten?

Nicht ganz. In Ausnahmefällen können wir diese Betreuung nicht beenden, weil der Patient noch immer zu instabil ist. Grundsätzlich versuchen wir, die Dauer möglichst kurz zu halten, und überprüfen die Notwendigkeit mehrmals täglich. Eine solide fachliche Entscheidung und auch ein bisschen Mut sind dabei wichtig, denn man trägt eine grosse Verantwortung. Einerseits muss man die Sicherheit des Patienten garantieren, andererseits möchte man dessen Privatsphäre nicht derart beschneiden, wenn es nicht unbedingt nötig ist.

Ausserdem ist die Intensivbetreuung sehr personal- und damit kostenintensiv.

Genau. Deshalb wäre es gerade für mich als Direktorin Pflege sehr wichtig, dass die zahlreichen Forschungslücken in diesem Bereich geschlossen werden. Gerade in Zeiten, in denen Ressourcen knapper werden, ist mir nicht wohl dabei, wenn solche kostenintensive Massnahmen angeordnet werden, während über deren Wirkung kaum etwas bekannt ist. Zum Glück ist die psychiatrische Intensivbetreuung zurzeit Gegenstand vieler pflegewissenschaftlicher Forschungen. Wir erhoffen uns davon empirische Erkenntnisse, unter welchen Bedingungen die psychiatrische Intensivbetreuung funktioniert und den grössten Nutzen bringt. Das war auch das Resümee des Symposiums diesen Monat: Es braucht evidenzbasierte Grundlagen.