Herzliche Gratulation, Frau Jäggi: Sie werden im nächsten Jahr die erste Rektorin eines Gymnasiums im Kanton Baselland. Warum hat es bis 2013 gedauert, bis der Landkanton endlich so weit war, eine Frau an die Spitze eines Gymnasiums zu wählen? Zeigt das, wie rückständig das Baselbiet ist?

Brigitte Jäggi: Das denke ich nicht. An den Berufsschulen gibt es ja schon diverse Schulleiterinnen, Gleiches gilt für die Sekundarschulen. Warum das jetzt auf Gymnasial-Stufe so lange gedauert hat, kann ich Ihnen nicht erklären. Es ist auch gesamtschweizerisch so, dass die Rektorenstellen bis anhin noch mehrheitlich eine Bastion der Männer sind.

Glauben Sie, dass Männer und Frauen heute die gleichen Bildungschancen haben?

Ich selber habe mich nie wirklich benachteiligt gefühlt. Was den Bildungszugang angeht, haben wir tatsächlich eine Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen erreicht. Unterschiede gibt es trotzdem. Es lässt sich beobachten, dass nach der Sekundarschule 1 die Jungs sich eher für den dualen Bildungsweg, also beispielsweise eine Lehre mit Berufsmatur entscheiden, währenddem die Mädchen eher ans Gymnasium gehen. Während des Studiums und später in der Berufswelt stehen den Frauen dann aber oft die Unvereinbarkeit von Tätigkeit und Familie im Weg. Die Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder sind in der Schweiz tatsächlich noch nicht so fortschrittlich wie in anderen Ländern.

Haben Sie bei Ihrer Wahl seitens der Männer keinen Argwohn verspürt?

Im Gegenteil: Ich habe viel Unterstützung und ein sehr positives Feedback bekommen. Bei der Wahl ging es schliesslich darum, dass die beste Person gewählt wird.

Als Rektorin sind Sie oft auch die «letzte Instanz» und haben immer wieder mit den schlimmsten Flegeln der Schule zu tun. Können Sie sich da durchsetzen?

Als FMS-Leiterin bin ich ja in meiner jetzigen Funktion schon disziplinarisch verantwortlich. Zu den Flegeln: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass niemand grundlos blöd tut. Das hat meist tiefer liegende Grüne. Es kann damit zu tun haben, dass sie fehlende Leistungen kompensieren. Zum Beispiel befinden sich die Eltern gerade in einer Trennung – findet man diese Ursachen, dann lässt sich meist eine Lösung finden.

Werden Sie eine strenge Rektorin sein?

Ich würde sagen, eine verbindliche.

Was heisst das?

Wenn etwas abgemacht wird, dann fordere ich das auch ein. Gleichzeitig sage ich: Es kann immer sein, dass es einen Vorfall gibt, in dem man Augenmass walten lassen muss.

Hat ein Rektor einen grossen Einfluss auf das Schulklima?

Davon bin ich überzeugt. Wobei ich mich da nicht als Einzelperson in den Vordergrund rücken möchte. Wichtig sind das Team und das Wirken der ganzen Schulleitung.

Und was zeichnet eine gute Schule aus?

Am wichtigsten ist, dass die Lehrer motiviert und engagiert sind – das ist in Muttenz der Fall. In der Schule sollte ein Klima des Vertrauens herrschen, in dem man aufeinander zugehen kann. Auch hier ist das Gymnasium Muttenz vorbildlich: Eine externe Evaluation hat uns eine ausserordentliche Begegnungskultur attestiert. Auch wenn man nicht immer gleiche Vorstellungen hat: Diese Meinungsverschiedenheiten werden mit Respekt und gegenseitiger Wertschätzung diskutiert.

Soeben wurden am Gymnasium Muttenz die Maturzeugnisse verteilt. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Matur?

Ich habe einen verschlungenen Lebenslauf. Zunächst schloss ich die DMS 4 ab, dann machte ich eine Lehre bei der Post und holte erst später die Matur auf dem zweiten Bildungsweg nach. Eine Maturfeier mussten wir damals selber organisieren.

Mit der Matur stehen die jungen Erwachsenen an einem Scheideweg. Was geben Sie ihnen mit?

Wenn Sie in der Studienwahl stehen, frage ich sie: «Wo liegt Ihr Interesse, wo Ihre Motivation?» Wo man Freude und Engagement zeigt, dort liegt auch die Zukunft. Wir müssen, sei es an der Fachmittelschule, an der ich jetzt Leiterin bin, oder am Gymnasium, eine Bildung vermitteln, welche nicht einengt. Die Lebensläufe dürfen nicht schon mit 18 vorgegeben sein. Was ich den Schülern und Schülerinnen zu vermitteln versuche, ist: Keine Mühen oder Umwege, keine Fehler sind vergeblich. Das weiss ich nur zu gut aus eigener Erfahrung. Und schliesslich sage ich den jungen Erwachsenen auch: «Egal, was ihr macht, macht es mit vollem Engagement – und nicht halbbatzig.»

Mit welchen Plänen treten Sie als Rektorin an?

Mit der Schulreform stellen wir ja von dreieinhalb auf vier Jahre Gymnasium um. Es bleibt ein halbes Jahr mehr. Hier ist ein sogenanntes Selbstlernsemester geplant: Dort wollen wir die Schüler vermehrt auf das selbstständige Lernen hinführen; dies im Hinblick auf das Studium. Zudem wollen wir einen Fokus auf die Interdisziplinarität legen: Wir werden in der zweiten Gym-Klasse zwei Projekte haben und in der dann vierten Gym-Klasse Ergänzungsfächer sowie Wahlkurse interdisziplinär führen.