Morgen sollte es so weit sein: Wenn die Staatsmacht nicht doch noch eingreift, werden 7,5 Millionen Katalanen über ihre Unabhängigkeit abstimmen. Es handelt sich jedoch um eine unverbindliche Abstimmung. Die katalanische Regionalregierung spricht deshalb von einer «Volksbefragung». Grund ist, dass die Zentralregierung in Madrid das beabsichtigte Referendum für verfassungswidrig erklärte und vom Verfassungsgericht Recht erhielt.

Auch wenn es sich nur um eine Befragung handelt: Die Frage, ob die Katalanen für die Unabhängigkeit stimmen werden oder eine autonome Region innerhalb Spaniens bleiben wollen, bewegt. Weltweit sind Katalanen in der Assemblea Nacional Catalana (ANC) zusammengeschlossen. Der ANC ist eine apolitische Bürgerinitiative, die sich für ein unabhängiges Katalonien einsetzt. Auch die im Leimental aufgewachsene Esther Flubacher ist ANC-Mitglied, ihre Mutter ist Katalanin.

Was denken die Katalanen in der Schweiz über die Abstimmung respektive über die Unabhängigkeit?

Esther Flubacher: In Katalonien wie in der Schweiz ist man vor allem dafür, dass man überhaupt abstimmen kann. Die Mehrheit sagt aber wahrscheinlich Ja zur Unabhängigkeit. Die Abstimmung bewegt stark, obwohl diese Spanien suspendierte und als verfassungswidrig einstufte. Es finden auf der ganzen Welt Aktivitäten statt. In Barcelona nahmen diesen September 1,8 Millionen Katalanen an einer Demonstration teil, welche absolut friedlich verlief. Ihr Anliegen war, dass Spanien die Abstimmung akzeptiert. Leider ist dies nicht eingetroffen.

Wie sehen Sie die Chance, dass Katalonien unabhängig wird?

Ich denke, dass am Sonntag für ein eigenständiges Katalonien gestimmt wird. Wie das Verfahren dann weitergeht ist noch unklar.

Inwiefern hat die katalanische Sprache mit der Abstimmung zu tun?

Sprache ist eine Identitätsfrage. In Katalonien kann jedes Kind Spanisch – umgekehrt spricht kaum ein Spanier Katalanisch. In Spanien wird Katalanisch auch kaum akzeptiert. In der Schweiz sind beispielsweise Sprachminderheiten geschützt. Man könnte die Bewegung in Katalonien unter anderem auch als Verteidigung der eigenen Sprache und folglich Identität sehen.

Wie ist das Verhältnis zu Spanien?

Durch die Unabhängigkeitsbewegung hat sich die Beziehung zu Spanien sicher verschlechtert. Die daraus resultierten Spannungen sind von den Katalanen nicht beabsichtigt. Das Ziel wäre, als Nachbarländer langfristig zusammenzuarbeiten. Es gibt beispielsweise in Katalonien viele Einwohner mit spanischen Wurzeln. Diese stehen der Abstimmung in drei unterschiedlichen Positionen gegenüber. Zum einen gibt es die Gruppe, die völlig in Katalonien integriert und für die Unabhängigkeit ist. Dann gibt es solche, die Katalonien weiter als Teil von Spanien möchten und sogar dagegen sind, überhaupt darüber abzustimmen. Die dritte Gruppe stimmt vielleicht Nein, aber findet, dass zumindest abgestimmt werden darf.

Wie werden Sie die Abstimmung verfolgen?

Ich werde nach Barcelona fliegen und vor Ort abstimmen. Es gibt aber für andere im Ausland lebende Katalanen die Möglichkeit, in verschiedenen Städten abzustimmen. Es ist leider «nur» noch eine symbolische Abstimmung, doch kann sie mit hoher Beteiligung und einem klaren Ja ein Zeichen setzen.