Noch einmal greifen wir den Faden auf und machten uns auf die Suche nach Entdeckungen und Talenten. Und wieder wurden wir fündig. Mit dem ersten Bericht zusammen, erschienen am 29. November 2014, haben wir knapp die Hälfte der beteiligten Künstlerinnen und Künstler an der Regionale 15 gesehen, ihre Werke studiert und nach Möglichkeit besprochen.

Diesmal ging unser Weg entlang den Grenzen: Von Riehen über Liestal bis nach Hégenheim. Um Grenzen ging es auch in den Ausstellungskonzepten. Riehen machte aus drei Stockwerken sieben Räume, Liestal untersuchte die Grenzen des Zeichnens und Hégenheim provozierte mit einer Wortspielerei über den Tee.

Kunsthalle Palazzo: Auf der Suche nach dem neuen Strich

Claudia Spinelli und ihr Partner Rolf Bismarck kuratieren die Regionale in der Kunsthalle Palazzo und haben sich etwas Mutiges einfallen lassen. Ihre Ausstellung «Die zeichnerische Dimension» bringt Werke nach Liestal, die mit den Möglichkeiten des Mediums spielen und Neues ausloten. Sieben Künstlerinnen und Künstler sind zu sehen, deren Kunst thematisch etwas miteinander gemein hat und die unterschiedlichen Altersgruppen angehören. Die besten Voraussetzungen also für einen profunden Einblick in die Systemerweiterungen eines Mediums mit langer Tradition.

Experimentelles zum Anfang

Nur sehr entfernt haben die Bilder von Hillary Clinton und Angela Merkel von Susanne Fankhauser mit Zeichnungen zu tun. Der Schematismus der durchgängig schwarz gemalten Bilder erinnert an zeichnerische Vorgehensweisen. Ähnlich verhält es sich bei Philipp Gassers Video in Form einer zeichnerischen Animation. Eine Person schiebt von links weiss bemalte Hausmodelle auf ein Brett, während sie rechts wieder herunterfallen. Das Ganze erinnert an einen Zeichentrickfilm und berührt durch seine Simplizität. Auch bei Lena Kiss geht es weniger um das Medium der Zeichnung, als um die Behauptung des Zeichens. Etwas platzieren, auch wenn es nur eine Röhre aus Pappe ist, ist immerhin eine Aussage. Interessant diese Weiterentwicklungen des Themas Zeichnens. Man würde sie sich gerne etwas weiter hinten im Ausstellungsparcours wünschen, wenn das eigentliche Thema etwas klarer definiert ist. Die übrigen Beteiligten Kathrin Borer, Mireille Gros, Esther Ernst und Tobias Nussbaumer machen den Kern der Ausstellung aus und zeichnen tatsächlich.

Esther Ernst zeichnet seit 13 Jahren, Mireille Gros schon seit zwei Jahrzehnten. Jeden Tag erfindet sie neue Pflanzensorten und hat dabei ein zeichnerisches Herbarium enzyklopädischen Ausmasses entwickelt. Einige kennt man vielleicht aus eigener Naturbetrachtung, andere aus Träumen oder eigenen Fantasien. Dass sie ihre Zeichnungen an dieser schönen grauen Wand mit grell-farbenen Papieren hinterlegt, gibt ihren Zeichnungen eine spezielle Aura. Diese findet sich ebenso in den Malereien von Mireille Gros. Diese sind in Liestal leider nicht zu sehen, doch gerade sie hätten gezeigt, wie sich Zeichnung in anderen Medien entwickeln lässt. Der Kunstkredit Basel-Stadt hat gut daran getan, einige Blätter der Werkgruppe zu erwerben.
Auch Esther Ernst beschäftigt sich seit Jahren zeichnerisch. Ihre Arbeiten erinnern eher an die Subjektivität von Tagebuchaufzeichnungen, ergänzt durch zeichnerische Wandarbeiten und darin integrierte Einzelbilder. Eine Reduktion, wie sie Mireille Gros und Kathrin Borer gelingen, ist Esther Ernst fremd. Bei ihr überbordet Manches und mag dadurch die Betrachter zwar gefangen nehmen, aber auch überfordern.

Kippmomente in allen Werken

Bei Kathrin Borer ist das ganz anders. Subtil sind die Formen gesetzt, zart die Linien gezogen und mit dezenten Farben aufgefüllt. Tobias Nussbaumers Zeichnungen erinnern an jene Kinderbücher von der Stadt oder dem Bauernhof, auf dem es so Vieles zu entdecken gibt. Es verbergen sich hinter jedem Blatt zahlreiche Geschichten, die durch die Grautöne auch ins Unheimliche kippen könnten. Kippmomente finden sich in allen Werken, tatsächlich entwickelt sich die Zeichnung im Palazzo auf Messers Schneide. Doch was kann man der Kunst besseres wünschen.

«Die zeichnerische Dimension». Kunsthalle Palazzo, Liestal. Bis 4. Januar. www.palazzo.ch

Kunst Raum Riehen: Neue Konzepte erwünscht

In sieben Räumen wird im Kunst Raum Kunst gezeigt. Und weil jeder Raum seine spezifische Qualität hat und dies im Projekt «14 Rooms» während der Art Basel auch der Fall war, nennt die Kuratorin Kiki Seiler-Michalitsi ihre Ausstellung «7 Rooms». Alle klassischen Medien sind vertreten, neue sucht man vergebens und wie jedes Jahr wurde ausschliesslich aus den eingereichten Dossiers ausgewählt. Dennoch sind einige bekannte Künstler dabei und erstaunlich hoch ist das Niveau auch.

Poesie des Subjektiven

Vincent Kriste hat einen Christbaum in dicker Akrylfarbe auf eine Leinwand gemalt. Die grünen Äste und die rotgoldenen Kugeln sehen wunderschön echt aus. Ein Bild, das sich auch in den übrigen Jahreszeiten ganz gut macht, ob es Johann Wanner am Spalenberg schon reserviert hat? Mathis Vass zeigt gleich daneben ein Mikrofon aus Klopapierrolle und Tennisball. Seit Jahren benutzt er diese Materialien, um kleine humorvolle Eingriffe zu tätigen. Vielleicht wäre das was für die Kunstsammlung von Roger Federer.

Im benachbarten «Kleinen Saal» finden sich ein voluminöses Architekturmodell von Claire Zumstein und eine Serie Polaroids von New York von Maukje Knappstein. Der in sich geschlossenste Raum ist der «Gartensaal». Auf dem Boden des Raumes steht Jürg Stäubles zweiteilige Zig-Zag-Rotation: ein graues, in unterschiedlichen Richtungen gefaltetes Papprohr. Immer wieder staunt man, mit wie wenig er eine solche Wirkung erzielen kann. An den Wänden hängen ein aus Karton ausgeschnittener Grundriss von Johanna Broziat, der die Form von Zimmern wiedergibt und eine Adaption der «Marquise von O» in 42 Seiten von Eva Gadient, deren «Schauplatz sich von Süden nach Norden verschoben hat». Eine poetische Annäherung an Kleists Novelle, in welche die erste Kunstkritik über Caspar David Friedrichs «Mönch am Meer» verklausuliert eingebaut wurde.

Klare Setzungen

Spannend ist der Raum mit den 13 Gipsbüsten von Pawel Ferus. Man denkt an Karikaturen antiker Porträts in einem Museumslager. Auf Holzkisten steht eine heterogene Ahnengalerie interessanter Charaktere mit verzerrten Visagen. Entdeckungen sind auch die Wandinstallationen von Aline Zeltner und Klára Grancicová. Zeltners Arbeiten variieren Farben und Formen in grafisch-spielerischer Art. Während des Druckvorgangs auf einem Farblaser-Kopiergerät werden Blätter auf der Glasscheibe bewegt. Dieser produziert so eigene Farb- und Formkompositionen.

Mehr über die Linie funktioniert die grosse Wand mit den über 50 Zeichnungen von Klára Grancicová, die teils an heraldische Zeichen, an Stadtpläne und Architekturskizzen erinnern. In Riehen gibt es Vieles zu entdecken, eine spannende und anspruchsvolle Ausstellung ist zu sehen.

Kunst Raum Riehen. Bis 4. Januar. www.kunstraumriehen.ch 

Fabrikculture: Was erträgt das offene Kunstwerk?

Vieles ist definitiv, abgeschlossen, komplett, wenn es sich ausserhalb des Ateliers bewegt. Doch es gibt auch jene Arbeiten, die den provisorischen Charakter nach wie vor in sich tragen und in dieser Eigenschaft entsprechend prekär und auch verletzlich sind. Clément Stehlin hat sich in der Fabrikculture in Hégenheim für Arbeiten entschieden, die den Charakter des Provisorischen und noch Offenen in sich tragen.

Dynamik des Poetischen

Zwei Wände, die übereck liegen, bespielt Mirjam Fruttiger mit vier grossen Zeichnungen, die zwar autonom funktionieren, die aber untereinander mit feinen Linien verbunden sind. Auch wenn auf einer Zeichnung ein Mensch von hinten zu sehen ist, so handelt es sich doch um unterschiedliche Räume, in denen Unaussprechliches geschieht und die sich in eigenartigen Bewegungen befinden. Die Dynamik eines Stuhles oder eines im Raum sich abwickelnden Objektes wird partiell blockiert durch unterschiedliche Papiere, die in die Zeichnungen collagiert wurden und die der Aufgewühltheit der gezeichneten Linien ruhigere Pole entgegensetzen. Hier entstehe Vieles und Zahlreiches bleibt in einem Moment der Schwebe, so als könne es innert Sekunden auch ganz anders sein.

Man muss sich in eine solche Situation hineindenken und den Rhythmus der Arbeit zu erfühlen versuchen, um die Bedeutung dieser Momente zu erkennen. Einen ähnlichen Weg gehen die Arbeiten von Misha Andris. In ihren Bildern von Tieren und Menschen ist viel Sphärisches, aber auch viel Unausgesprochenes enthalten, so als würde es sich um Gedankenblitze handeln. Ihre Tiere scheinen zu sprechen und im Besitz geistiger Aktivität zu sein, obwohl sie regungslos aus den Bildern blicken. Ganz anders die malerischen Setzungen von Mathieu Boisadan und Thomas Heimann.

Prekär, doch auch vehement

Bei Boisadan sind ein Demonstrant in Aktion und ein Berg zu sehen, beide in extrem expressiver Farbgebung und Dynamik dargestellt, bei Heimann sind es Streifenbilder und beiden Künstlern gelingt es, das Gleichgewicht ihrer Bilder latent zu halten. Dazu passen die «Floating Islands» von Catrin Lüthi K, eine Installation, die an einen langbeinigen Wasserfloh erinnert, der schwerelos über das Wasser gleitet. Das filigrane Objekt aus langen Hölzern, die auf tönernen Füssen stehen, scheint sich in der Imagination dauernd zu bewegen und illustriert treffend, wie weit das oben beschriebene «Non-Finito» gehen kann.

Wer von Basel aus nach Hégenheim fährt, ist für wenige Sekunden zwischen den Grenzen, vor sich die Weite der Strasse und der nahen Felder, über sich die Endlosigkeit des Himmels, so wie man ihn in der Schweiz selten für sich hat. Genau in diesen Zwischenbereichen liesse sich auch die in der Fabrikculture gezeigte Kunst lokalisieren.

«My Tea is No-tea», Fabrikculture, Hegenheim. Bis 11. Januar. www.fabrikculture.net