Im Zusammenhang mit der Affäre um den Badener Stadtammann Geri Müller war immer wieder vom sogenannten Sexting die Rede. Auch im aktuellen Fall der Prattler Sekundarschullehrerin, die eine Beziehung mit einem Schüler eingegangen sein soll, spielt das Phänomen vermutlich eine nicht unwesentliche Rolle. Worum es sich bei diesem Begriff wirklich handelt, wurde in der Berichterstattung aber bislang häufig ausgeklammert. Helga Berchtold gibt im Vorfeld eines CVP-Podiums zum Thema heute Abend in Reinach Auskunft. Sie leitet seit 2009 die Fachstelle Kindes- und Jugendschutz der Baselbieter Sicherheitsdirektion.

Frau Berchtold, was ist Sexting?

Helga Berchtold: Der Ausdruck setzt sich aus den beiden Wörtern Sex und Texting zusammen. Darunter versteht man das digitale Erstellen und Verschicken von erotischen Selbstaufnahmen via Handy oder Internet. Dabei ist es unerheblich, über welches Portal die Daten gesendet werden. Ich denke unter anderem an Whatsapp, Facebook und Snapchat.

In früheren Zeiten schickten sich Verliebte oftmals Liebesbriefe, deren Inhalt auch nicht immer jugendfrei war. Inwiefern unterscheidet sich das heutige Sexting?

Die neue Dimension ist die Möglichkeit der unglaublichen Vervielfältigung. Mit einem Knopfdruck kann der Inhalt sehr vielen Menschen zugänglich gemacht werden. Sobald die Bilder im Internet sind, ist es sehr schwierig, sie wieder zu löschen. Gerade für Jugendliche ist dies häufig nur schwer nachvollziehbar. Es kann ein Leben lang belastend sein zu wissen, dass von einem noch Nacktbilder im Netz existieren.

Wird Sexting vor allem von Jugendlichen betrieben?

Ich denke, dass es sich grundsätzlich um eine altersunabhängige Erscheinung handelt, kann dies jedoch nicht mit Zahlen belegen. Doch wegen der Tatsache, dass Jugendliche Unmengen von Daten versenden, befindet sich darunter in der Menge wohl mehr erotisches Material als bei Erwachsenen. Kommt noch hinzu, dass sie in einem Alter sind, in dem sie die eigene Sexualität kennenlernen.

Weshalb entschliessen sie sich, derart viel von sich preiszugeben?

Erst einmal, weil sie heute dazu technisch in der Lage sind. Beinahe jeder Jugendliche besitzt ein Smartphone, mit dem innerhalb von Sekunden Texte und Bilder produziert und versandt werden können. Es ist zudem eine Form der Selbstdarstellung. Ich möchte aber erwähnen, dass laut einer Studie von 2012 nur sechs Prozent aller Jugendlichen bereits erotische Selbstaufnahmen verschickt haben. Der weitaus grösste Teil betreibt also kein Sexting. Aber für diejenigen, die es betrifft, kann es fatale Folgen haben.

Inwiefern?

Der klassische Fall ist, dass die Betroffenen erpresst werden. Sie werden aufgefordert, immer explizitere Fotos von sich zu schiessen. Ansonsten werde man die bisherigen Bilder herumzeigen. Auch im Kanton Baselland weiss ich von Kindern und Jugendlichen, die massiv unter Druck geraten sind, weil Nacktbilder von ihnen kursierten. Sei dies in der Schule oder anderswo. Meist handelt es sich um Mädchen, die massiv stigmatisiert werden.

An wen können sich betroffene Jugendliche wenden?

Für Jugendliche ist es zentral, mit einer Vertrauensperson über das Thema zu reden. Das können unter anderem Eltern oder Lehrer sein. Professionelle Unterstützung erhalten sie auf der Fachstelle Kindes- und Jugendschutz. Diese verweist die Jugendlichen je nach Situation an die Opferhilfe, die Jugendpsychiatrie oder die Jugendanwaltschaft.

Wie kann verhindert werden, dass es überhaupt so weit kommt?

Ganz ausgeschlossen können solche Fälle nie. Zentral ist eine gute Prävention. Besonders Pro Juventute betreibt seit einiger Zeit mithilfe einer umfassenden Kampagne Aufklärungsarbeit über Sexting. Hilfe erhalten Jugendliche unter der Nummer 147, per SMS, Chat und Mail.

Welchen Ratschlag können Sie Jugendlichen mit auf den Weg geben?

Man sollte keine Bilder verschicken, die man nicht auch auf dem Titelbild eines Magazins sehen möchte. Man hat nie die Sicherheit, dass die Fotos nicht missbraucht werden. Es gibt genug Beispiele, die aufzeigen, dass Sexting schwerwiegende Konsequenzen haben kann.

CVP-Podium zum Thema Sexting

Heute Donnerstag um 19 Uhr,

Gemeindesaal, Hauptstrasse 10,

4153 Reinach