Sie hängen voneinander ab fast wie siamesische Zwillinge, trotzdem kennen sie sich kaum. Die Rede ist von den Sekundarschullehrern und den Lehrlingsbetreuern von Firmen: Die einen bilden die Jugendlichen aus und sind froh, wenn sie eine Lehrstelle finden; die andern übernehmen sie und sind froh, wenn sie ihren Bedürfnissen entsprechen. Die Sekundarschule Liestal widmete dieser Schnittstelle zwischen Schule und Wirtschaft am Montagabend eine Lehrerweiterbildung und lud mehrere Wirtschaftsvertreter, den Leiter des Amts für Volksschulen sowie zwei Lehrkräfte auf ein Podium.

Urs Wyss von der Roche wartete dort gleich mit einer Neuigkeit auf: «Wir bauen ein neues Rekrutierungssystem auf und prüfen bei unseren Bewerbern vermehrt das vorhandene Feuer für ihren künftigen Beruf.» Will heissen, dass bei der Roche ab 2019 die Bewerbungsgespräche gegenüber den Tests mehr Gewicht erhalten. Die Schulnoten schaue man schon auch an, schob Wyss nach. Doch sie verlieren bei Bewerbungen um Lehrstellen offensichtlich an Gewicht, nicht nur bei der Roche.

Es gibt einige Sorgenkinder

So verwies Andreas Knaus vom Kantonsspital Liestal auf eine Untersuchung bei den Berufsmeisterschaften Swiss Skills mit dem Resultat, dass 40 Prozent der am besten Abschliessenden früher schlechte Schüler waren. Die Motivation sei über den Beruf gekommen. Zwar schaue man auch beim Kantonsspital die Zeugnisse an, doch wichtiger als die einzelnen Noten sei der Verlauf über einen längeren Zeitraum. Knaus: «Die Noten allein sagen nicht, wo eine Person steht.» Und er ergänzte: «Wichtig sind die unentschuldigten Absenzen. Sie sind ein Flecken im Reinheft.» Beim Spital nimmt man die Jugendlichen auch beim Teamwork unter die Lupe und lässt sie zum Beispiel in Gruppen kochen von der Erstellung des Menüplans übers Einkaufen bis zur Anfertigung des Gerichts.

Auch für Martin Gerster von der Nunninger Firma Holzbau AG sind Noten «nicht das Wichtigste». Er lässt Lehrstellenbewerber zuerst schnuppern und beobachtet dabei, wie jemand ins Team passt. Gerster: «Die, die den Willen haben, sich zu integrieren und zu arbeiten, haben gute Chancen.»

Aber es gibt auch die andern, die Sorgenkinder. Wobei die Podiumsteilnehmer hier unterschiedliche Akzente setzten. Beat Lüthy, Leiter des Amts für Volksschulen (AVS) , hob hervor: «Grosse Sorgen machen mir die Schüler, die sich überhaupt nicht um die Berufswahl kümmern. Sie sind zufrieden, obwohl sie keine Anschlusslösung an die Schule haben.» Seklehrer Michael Begert machen jene Sorgen, die sich für Berufe mit kleinen Anforderungen eignen würden, von diesen aber nichts wissen wollten, «weil sie zu wenig sexy sind».

Rolf Schaub, Informatik-Lehrer an der Gewerbeschule Muttenz, hat jenes Drittel der Informatiklehrlinge im Sorgen-Fokus, die wenig motiviert und völlig ungeeignet für ihren Beruf und in zehn Jahren weg vom Fenster seien. Und Knaus vom Kantonsspital hat bezüglich Sorgen jene zwar cleveren Lehrlinge im Auge, die sich aber nicht durchbeissen könnten: «Da spielt das Phänomen Helikoptereltern hinein. Die Jungen sind nicht gewohnt, Probleme zu bewältigen. Das müssen sie aber in der Lehre, weshalb sie eine enge Betreuung brauchen.»

In einem waren sich Wirtschafts- und Schulvertreter jedoch einig: Es braucht mehr Kooperation zwischen den beiden Akteuren. Wyss von der Roche etwa wünscht sich, «dass nicht die Hälfte der Schulen ihre Berufswahlwoche in der gleichen Woche durchführen», weil es so zu Kapazitätsengpässen komme.

Lüthy vom AVS wünscht sich von den Schulen, dass sie sich wie die früheren Berufswahlklassenlehrer vermehrt mit dem lokalen Gewerbe vernetzen. Und von der Wirtschaft: «Sie will die besten, wir aber haben die ganze Breite. Ich erwarte von der Wirtschaft, dass sie auch volkswirtschaftlich denkt und jenen eine Lehrstelle anbietet, die nicht so einfach sind.»