Den Anfang machte Seppli. Ein Yorkshire Terrier, der 2001 krank wurde, der Hund von Marlies Mörgeli und ihrem Ehemann Urs Mörgeli. «Was passiert mit Seppli, wenn er stirbt?», hat sich das Paar gefragt. Und festgestellt: In der Schweiz gibt es keinen Tierfriedhof. Aus Liebe zu ihrem Hund haben die beiden den ersten gegründet – seit 18 Jahren ist der Tierfriedhof nun am Wisenberg in Läufelfingen zu finden, auf dem ehemaligen Gipsi-Areal. Doch mittlerweile ist er viel mehr, als nur die letzte Ruhestätte des Yorkshire Terriers. «Es ist ein richtiger Kraftort geworden», erzählt Marlies Mörgeli.

Nach rund 1500 Beisetzungen weiss sie, wovon sie spricht. Sie erzählt von einer Familie, die ihren Hund aus Hamburg nach Läufelfingen gebracht hat, um ihn auf dem Wisenberg zu beerdigen. Von einem Minipig aus dem Elsass, das hier seine letzte Ruhe gefunden hat. Von Familien, die jeden Sonntag ein Picknick auf dem Friedhof geniessen. «Die Geschichten, die ich erzählen könnte, würden ein Buch füllen», sagt sie und lacht. Lachen, das ist auf dem Tierfriedhof erlaubt.

Wider Erwarten ist es kein trauriger, deprimierender Ort. Die Bäume blühen an diesem Mittwochnachmittag im Frühling, einzelne Sonnenstrahlen scheinen zwischen dicken Wolken hindurch auf die Gräber der Tiere. Grabsteine gibt es hier kaum, stattdessen sind die Gräber mit kleinen Holzschildern ausgestattet. Daisy, Cindy oder Ginger liegen hier begraben. Zwischen ihnen leuchten dichte Büsche voller Vergissmeinnicht.

Neben der Hündin begraben

«Hier sind zwei Schafe aus Vevey», sagt Mörgeli und zeigt auf ein Grab, während sie zu ihrem Lieblingsort schlendert, dem Teich. Unter einer Pergola steht neben dem Wasser eine Gartenschaukel. Vom Verkehr der relativ nahen Hauptstrasse ist nichts zu hören. Grillen zirpen, im Teich ist ab und zu ein leises Planschen zu hören. Ansonsten: komplette Stille. In diesem kleinen Paradies, wie Mörgeli es liebevoll nennt, liegt auch die Urne ihres Ehemanns Urs Mörgeli begraben. Direkt neben Diana, seiner Lieblingshündin. «Das war immer sein Wunsch», sagt Marlies Mörgeli und lächelt sanft.

Urs Mörgeli ist 2016 verstorben. Zuvor steckte der Tierfriedhof noch in finanziellen Schwierigkeiten. «Das, was wir machen, ist kein Geschäft», sagt Marlies Mörgeli. Und rechnet sogleich vor: «Rund 80 Tiere pro Jahr à durchschnittlich 400 Franken, dafür würde niemand arbeiten gehen.» Die Familie hatte alles in den Friedhof gesteckt, die Pensionskasse dafür geleert. Sie seien mehrmals kurz davor gewesen, den Friedhof aufgeben zu müssen. «Aber ich konnte das einfach nicht», sagt Mörgeli.

2016 kam die Rettung: Ein Mann, den sie nie kennen gelernt hatte, hinterliess dem Tierfriedhof nach seinem Tod einen grossen Teil seines Vermögens. Auch eine Frau, die auf dem Tierfriedhof zwei Katzen beerdigt hatte, hinterliess ihnen Geld. Die Mörgelis konnten sich damit das Land kaufen, das sie bis anhin nur gepachtet hatten, sie mussten ihr Lebenswerk nicht aufgeben. Kurz nachdem die Zukunft des Tierfriedhofs gesichert war, verstarb Urs Mörgeli.

Kein Platz für Pferde

Seither führt Marlies Mörgeli den Friedhof alleine. Zur Bestattung der Tiere gehört viel: Bereits im Voraus, wenn ein Tier krank ist, setzen sich Betroffene oft mit ihr in Kontakt. «Das ist am besten so», erklärt Mörgeli. «In der Situation ist man oft überfordert und kann keine klaren Entscheidungen treffen», fügt sie an. Es sei daher wichtig, sich schon vorher zu entscheiden, was man für sein Tier möchte. Auf dem Friedhof sind beispielsweise Beerdigungen mit oder ohne Holzsarg möglich. Auch Kremationen bietet Mörgeli an.

Nach dem Tod begleitet Mörgeli dann jeden Schritt. Sie holt das Tier auf Wunsch ab und bahrt es im «Turmstübli» auf. «Ich lege das Tier in ein Körbchen mit Blumen und schliesse ihm die Augen», erklärt Mörgeli. «Es sieht fast aus, als würde es friedlich schlafen», fügt sie an. Es sei für sie eine Ehre, ein Tier zum letzten Mal zurechtzumachen. Auch die Bestattung führt Mörgeli nach den Wünschen der Kunden durch. Ein Grab auf dem Friedhof kostet je nach Ausstattung und Grösse des Tiers zwischen 210 und 1250 Franken.

Die Verträge laufen jeweils drei Jahre, danach kann sich ein Tierbesitzer entscheiden, ob das Grab aufgehoben oder verlängert werden soll. Entsorgt wird jedoch kein Tier, das begraben liegt. «Das Loch wird tiefer gegraben, damit am selben Ort ein neues Grab entstehen kann.» Auch im Angebot hat Mörgeli Mensch-und-Tier-Gräber. Bei diesen können die Urnen von Menschen neben ihren Haustieren beerdigt werden. Es gibt derzeit jedoch weniger als zehn solcher Gräber auf dem Friedhof.

Grosse Tiere wie Pferde oder Kühe könne sie kaum noch beerdigen. «Nur, wenn sie kremiert sind», erklärt sie. Auch deshalb möchte sie den Friedhof bald ausbauen. «Dafür fehlt aber noch das Geld», sagt sie. Sie sei auf der Suche nach Sponsoren und Freiwilligen, die ihr dabei helfen.

Marlies Mörgelis Alltag besteht aber nicht bloss aus Bestattungen. Sie hat beispielsweise schon mit straffälligen Kindern gearbeitet, die Tiere gequält haben und bei ihr Sozialstunden leisten mussten. «Ein sehr eindrückliches Erlebnis», berichtet Mörgeli. Ihnen habe sie versucht, eine Beziehung zu Tieren zu lehren. Einige der Kinder kämen noch heute, Jahre später, auf den Friedhof. «Das sind die Dinge, auf die ich mich vermehrt fokussieren möchte», sagt sie.

Ein Ort des Zusammenseins

Doch langsam müsse sie sich auch um ihre Nachfolge kümmern, sagt die 62-Jährige. Ihr Ziel sei es, dass der Förderverein pro Tierfriedhof ihr Lebenswerk übernimmt. Heute unterstützt der Verein sie bei den laufenden Kosten. Mörgeli möchte den Verein vorher noch in einen gemeinnützigen Verein umwandeln.

Wichtig sei ihr, dass die künftigen Betreiber ihre Philosophie beibehalten. «Ehrlichkeit ist enorm wichtig», sagt sie. Wenn sie einem Kunden etwas verspreche, dann halte sie dies auch ein. Auch, dass ihr Friedhof ein Ort des Zusammenseins bleibt, ist für Mörgeli eine Priorität. «Hier treffen Leute aufeinander, die sich auf der Strasse nie ansprechen würden», sagt Mörgeli. «Egal, woher man kommt, wie viel man verdient oder wer man ist, hier finden alle zusammen.»