Der Cowboy reitet lässig gen Sonnenuntergang, melancholische Musik, karges Land, doch aus dem Wüstensand erhebt sich ein Hüne von einem Kaktus, stolz und unerschütterlich, und mit seinen verzweigten Armen trotzt er der Trockenheit. Wessen erste Kaktus-Assoziation diesem Bild entspricht, sollte einen Besuch in Hölstein in Betracht ziehen. Dort unterhalten nämlich die Kakteenfreunde Basel eine Kakteensammlung, die vor allem auch Asylzentrum ist für die Sammlungen verstorbener Vereinsmitglieder.

Deren Vielfalt lässt den Saguaro, wie der klassische «Western-Kaktus» heisst, wie ein Klischee aussehen. Obschon, ein stattlicher Bursche ist er durchaus mit seinen 20 Metern Höhe und dem Alter eines Methusalems. Und er ist der Kaktus des Jahres 2017. Jawohl, auch den gibt es. Bestimmt haben das die deutschsprachigen Kakteengesellschaften.

Doch zurück nach Hölstein, wo im stillgelegten Gewächshaus einer Gärtnerei über 1000 Kakteen gedeihen, rund 400 der geschätzten 2000 existierenden Sorten sind hier zuhause. Obwohl richtige «Kaktüssler» ihre Pflanzen eigentlich nicht zählen würden. Sagt Vereinspflanzenobmann Walther Schwenk. Er zeigt etwa das stolze Exemplar eines Echinocactus grusonii, eine runde, aber oben abgeflachte Pflanze, die auch Schwiegermutterstuhl-Kaktus genannt wird. Wahrscheinlich wegen ihrer Ähnlichkeit mit einem Sitzmöbel – und der langen Stacheln. «Er ist unser inoffizielles Maskottchen», sagt Schwenk.

Einmal die Woche kommt er nach Hölstein, um nach dem Rechten zu sehen und vor allem auch zu giessen. Denn Kakteen brauchen durchaus Wasser – ferienfreundlich sind sie trotzdem wie kaum ein anderes Gewächs. «Hierzulande sind sicher mehr Kakteen an Überwässerung eingegangen als an Austrocknung», kommentiert Walther Schwenk schmunzelnd. Er ist den stacheligen Zeitgenossen bereits zu Schulbubenzeiten verfallen. Es habe mit einem geschenkten Ableger begonnen, der, mit wohl etwas Glück, eines Tages geblüht habe. Mit der Zeit gesellten sich weitere Kakteen hinzu, wuchsen zu einer Sammlung heran und die Sammlung zu einer Art Sucht, einer «Krankheit, die nicht mehr heilbar ist», sagt Schwenk.

Vereinspräsident Alexander Kienhöfer nennt einen weiteren Grund für die Kakteenbegeisterung der aktuell 86 Mitglieder: ihre Andersartigkeit. Einerseits nehmens Kakteen äusserst gelassen: Der bedrohte Aztekium ritterii, den Kienhöfer zeigt, misst keine fünf Zentimeter, hat aber ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel. Andererseits sind sie vierschrötige Trutzburgen gegen den Wassermangel, wehrhafte Gesellen in den unwirtlichsten Gegenden Welt.

Dafür haben sie die Blätter evolutioniert und zu Stacheln verdichtet. Sie haben sich perfekt an ihr widriges Umfeld angepasst, haben ausgeklügelte Tarnstrategien gegen Hitze und Fressfeinde entwickelt und können sich bisweilen aufplustern und zusammenschrumpfen, je nach Verfügbarkeit von Flüssigem. Übrigens sticht sich auch ein Kakteenfreund gelegentlich an seinen Zöglingen. Das gehöre dazu, sagt Alexander Kienhöfer und zeigt auf seinem Handy das Bild einer weissen Blüte. Es ist jene der Königin der Nacht, ein mässig attraktiver Kaktus, der aber umso spektakulärer blüht. Einmal im Jahr. Für eine Nacht.