Franz Kaufmann wird deutlich: «Ich rechne nicht mehr damit, dass es klappt», sagt der Liestaler Stadtrat. Dabei war die geplante Einmietung des Kantons im grossen SBB-Neubauprojekt am Liestaler Bahnhof stets als Befreiungsschlag für Baselland beworben worden. Doch: Die SBB warten noch immer auf einen definitiven Entscheid des Kantons – und werden allmählich ungeduldig. «Der Glaube war sicher schon grösser», kommentiert Liestals Stadtpräsident Lukas Ott. «Irgendwann kühlt auch der grösste Enthusiasmus ab.»

Dabei hatte es vor drei Jahren noch so gut ausgesehen: In feierlichem Rahmen hatten die Baselbieter Baudirektorin Sabine Pegoraro und SBB-Chef Andreas Meyer damals in einer Absichtserklärung, in einem «letter of intent», ihr Zusammengehen beim Bahnhofsneubau besiegelt. Der Kanton werde als «Ankermieter» auftreten, sagte Pegoraro.

540 Mitarbeiter könnten zum Bahnhof umziehen, mehr als 20 Standorte im Raum Liestal könnte Baselland aufheben – und Geld sparen. «Das Projekt wäre aus Sicht des Kantons und seiner Verwaltung ein Gewinn», betonte Pegoraro. Abklärungen ihrer Direktion sprächen für die Mietlösung. Damit könnte der Kanton zudem für Liestals Weiterentwicklung wichtige Grundstücke freimachen, worauf die Stadt schon lange hofft. Freudig sprachen die Beteiligten daher von einer Win-Win-Win-Situation.

Harsche Kritik hinter Kulissen

Seither ist viel Zeit vergangen. Und bei den SBB scheint der Geduldsfaden allmählich zu reissen. Offiziell gibt man sich diplomatisch: «Zu laufenden Gesprächen können wir keine Auskunft geben», erklärt SBB-Sprecher Reto Schärli lediglich. Verständlich, wollen die SBB den Verhandlungen doch keinesfalls den Todesstoss versetzen. Inoffiziell sind aus den Reihen von SBB und Politik aber ganz andere Töne zu hören: Das Verhalten von Baselland sei «eine Zumutung». Das ewige Hin und Her erschwere eine konstruktive Zusammenarbeit enorm. Hinter den Kulissen ist sogar zu hören, die SBB hätten die Einmietung eigentlich bereits abgeschrieben. «Es kann sein, dass sich das Gefühl bei den SBB zu verdichten beginnt», räumt selbst Ott ein.

Mittlerweile soll das Zaudern des Kantons den gesamten Projektablauf verzögern. So hätte der Architekturwettbewerb alle drei geplanten Bauten umfassen sollen, die als Ensemble konzipiert sind. Bei der Präsentation des Siegerprojekts im April konnten aber nur die beiden Bauten direkt am Bahnhof vorgestellt werden. Die Pläne für das Hochhaus im Norden des Areals, in dem der Kanton als Mieter vorgesehen ist, wurden nicht weiter konkretisiert, was sich auf den nötigen Quartierplan auswirkt.

Nun würden die SBB vom Kanton endgültig einen definitiven Entscheid verlangen. Noch in diesem Monat seien «finale Gespräche» angesetzt worden. Das ist auch Ott zu Ohren gekommen: «Der Kanton muss sich jetzt entscheiden, was er will», betont Liestals Stadtpräsident. «Noch aber existiert nicht einmal eine Landratsvorlage.»

Nachdem im letzten Sommer Kritik aus FDP- und SVP-Kreisen laut geworden war, herrschte beim Kanton lange Funkstille. Die Gegner hatten moniert, dass die Miete für den Kanton zu teuer sei. «Seither scheint Sabine Pegoraro zu zaudern», sagt Stadtrat Kaufmann. Bei der Baselbieter Baudirektion (BUD) sieht man das ganz anders: Von einer Verzögerung will man nichts wissen. «Ein Regierungsentscheid ist noch im dritten Quartal 2016 zu erwarten», erklärt BUD-Sprecherin Fiona Schär. Anschliessend könnte innert rund drei Monaten eine Landratsvorlage erstellt und überwiesen werden. Hat dieser grünes Licht erteilt, könnte auch ein Mietvertrag unterzeichnet werden.

«Kanton ist nicht mehr relevant»

Soweit aber ist es noch lange nicht. Ott spricht denn auch von einer «Hängepartie». Klar aber ist: Die SBB wollen den dritten Bau auf jeden Fall realisieren – auch wenn sich der Kanton zurückziehen sollte. «Der Kanton ist für das Gesamtprojekt gar nicht mehr relevant», sagt auch Kaufmann. «Es schreitet ohnehin voran.» Das Interesse potenzieller Mieter an Flächen am Bahnhof sei derzeit gross, pflichtet Ott bei.

Die Stadt Liestal habe aber weiterhin grosses Interesse daran, dass der Kanton Dienststellen an den Bahnhof verlegt, versichert Stadtrat Kaufmann. Dann nämlich würde entlang der Rheinstrasse bestens erschlossenes Entwicklungsgebiet frei, wo die Stadt eine Durchmischung von Wohnraum und Gewerbe anstrebt. Komme hinzu: Jeder kommunaler sei auch ein kantonaler Steuerzahler.

Bei einem Verzicht des Kantons aber drohe die Weiterentwicklung auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verhindert zu werden. «Und ich habe grosse Zweifel», sagt Kaufmann. «Wir dürfen uns deshalb nicht auf den Kanton fixieren.» Auch Ott klingt wenig optimistisch: «Irgendwann dreht der Markt weiter, und die SBB vermieten ihre Flächen an andere», gibt der Stadtpräsident zu bedenken. «Der Kanton läuft Gefahr, eine grosse Chance zu verpassen.»