«Eigentlich wusste ich immer, dass das mit den Bankauszügen irgendwann mal rauskommt. Das Geld ist immer knapper geworden, ich musste es hin- und herschieben», sagte der 57-jährige Angeklagte gestern in Muttenz vor dem Baselbieter Strafgericht.

Er gab zu, in seiner Funktion als Kirchgemeindepräsident in Birsfelden sowie als Treuhänder (bz vom Montag) über Jahre hinweg Gelder der Kirchgemeinde, des Theaters Roxy und anderer Kunden veruntreut zu haben. Der Angeklagte selbst geht von rund 2,5 Millionen Franken aus, die er im Verlauf von 20 Jahren unterschlagen hat. Damit die Buchungen nicht auffallen, fälschte er kurzerhand die Bankbelege und täuschte damit auch die Revisoren. Das Budget sei im Kirchgemeinderat meist intensiver diskutiert worden als die Rechnung, sagte der 57-Jährige dazu schulterzuckend.

Heute lebt er noch immer von einzelnen Aufträgen als Treuhänder und verdient zusammen mit seiner Ehefrau rund 9000 Franken im Monat. «Bleibt da noch etwas übrig?», fragte ihn der Gerichtspräsident. «Ja, damit kann man sicher leben», meinte der Mann. Im Vergleich zu früher habe er seinen Lebensstandard gewaltig reduziert. So gebe es nun im Sommer für die Familie beispielsweise eine Ferienwohnung etwas entfernt vom Meer anstelle eines Hotels direkt am Strand. «Es gibt auch gutes Essen jenseits von Kaviar.»

In seinem früheren Leben ging es allerdings nicht nur um teure Restaurantbesuche mit Kaviar, sondern auch um anderen Luxus: Rund 50 000 Franken pro Jahr gab er für Prostituierte aus, 30 000 für Ferien, etwa 20 000 für Weine, weitere 20 000 gingen in die dritte Säule.

Bereits als Student hatte er sich offenbar in Südostasien Prostituierte geleistet und ist mit ihnen herumgereist, nach seiner Heirat verkehrte er wieder im Milieu. «Wie konnten sie gerade auch als Kirchgemeindepräsident dieses Doppelleben führen, ohne dabei verrückt zu werden?», wollte Gerichtspräsident Andreas Schröder dazu wissen. «Ein schlechtes Gewissen hatte ich schon, deshalb wollte ich das Geld ja auch zurückzahlen. Am Anfang dachte ich jedes Mal, wenn das Telefon läutete, das ist jetzt die Polizei».

Heute ist bei ihm allerdings kaum Geld zu holen: Sein Eigenheim kaufte er damals für 880 000 Franken, rund 660 000 Franken davon gab die Bank als Hypothek, den Rest hat er mit fremden Darlehen finanziert.

Bereits in den frühen 1990er-Jahren habe er ein Privatdarlehen eines Freundes von rund 40 000 Franken nicht zurückzahlen können und deshalb erstmals in die Kasse der Kirchgemeinde gegriffen. «Ich dachte, ich zahle es Ende Jahr einfach zurück. Das war quasi der Anfang», schilderte der Mann vor Gericht.

Diese Zeitdauer weist auf eines der Probleme hin: Im alten Strafrecht vor 2007 galt eine für den Angeklagten mildere Regelung punkto Verjährung, diese kommt hier zur Anwendung. Die fünf Richter dürfen nun nur Transaktionen seit Oktober 2002 beurteilen: Alles, was davor geschehen ist, ist verjährt.

Doch auch sonst ist der Detailstreit um die Zahlen gross: Die römisch-katholische Kirchgemeinde Birsfelden fordert rund 1,1 Millionen Franken zurück, der Verteidiger des Mannes stuft den effektiven Schaden auf 724 000 Franken ein. Diese Logik zieht sich durch alle Forderungen, auch die Deliktsumme liegt deshalb je nach Rechnung irgendwo zwischen zwei und fünf Millionen Franken. Das Urteil fällt in zwei Wochen.