Der Schock kam erst Wochen später. Plötzlich realisierte Anina Steiger, was sie erlebt hatte: «Ich hatte keine selbstbestimmte Geburt. Es geschah gegen meinen Willen, doch ich konnte nichts dagegen tun. Das war verletzend.» Es war im Frühjahr 2016. Die damals 22-jährige Ettingerin und ihr Mann hatten sich für eine Hausgeburt entschieden. Alles war vorbereitet. Doch als eine Woche nach dem berechneten Geburtstermin noch immer nichts passierte, gingen die Steigers zur Kontrolle ins Basler Universitätsspital (USB). Das Gespräch mit der zuständigen Ärztin wird Anina Steiger nie vergessen: «Sie machte keinen Hehl daraus, dass sie von Hausgeburten überhaupt nichts hält. Als sie feststellte, dass ich nur noch relativ wenig Fruchtwasser hatte, war für sie der Fall klar: Sie liess mich nicht mehr nach Hause, sondern entschied, sofort die Geburt einzuleiten.» Die Steigers mussten sich auf das Urteil der Ärztin verlassen. «Erst viel später las ich, dass sich Fruchtwasser auch wieder aufbauen kann, das säte im Nachhinein natürlich gewisse Zweifel.»

Es gibt auch physische Übergriffe

Anina Steiger möchte das USB ausdrücklich nicht generell kritisieren. Leider war die Geburt aber auch nicht einfach: Dreimal hätte der Anästhesist bei der Periduralanästhesie (PDA) daneben gestochen, beim letzten Mal hätte der Arzt sie gefragt, ob sie immer noch etwas spüre, was sie bejaht hätte. Seine Bemerkung zum Team: «Sie sagt, Sie spürt es.» Den herablassenden Tonfall empfand Steiger als verletzend: «Als ob er besser wüsste, was ich spüre als ich selbst.» Dann versagten die Herztöne des Kindes. Vollnarkose. Not-Kaiserschnitt. Der kleine Junge wurde beatmet. Erfolgreich.

Was Anina Steiger der «Schweiz am Wochenende» erzählt, ist kein Einzelfall. Aber es ist auch nicht die Regel. Seit mehreren Monaten berichten schweizweit immer wieder Medien über das Thema, das sich unter dem Begriff «Gewalt unter der Geburt» etabliert hat. Dabei berichten Frauen von ihren Erlebnissen, schildern, wie sie sich den Ärzten und Hebammen hilflos ausgeliefert vorgekommen seien, wie sich einzelne Sätze wie Messerstiche angefühlt hätten.

In der ausserordentlichen Stresssituation einer Geburt genügt da manchmal ein «Jetzt stellen Sie sich nicht so an» oder «Strengen Sie sich an, sonst müssen wir uns um das Kind Sorgen machen». Psychischer Druck. Versagensängste. Es geht aber auch um Physisches: Das kann ein als unnötig empfundener Kaiserschnitt sein, ein Dammschnitt ohne die Zustimmung der Frau oder auch ein besonders harter Druck auf den Bauch.

Hebamme fordert Entlastung

«Gegen das Wort Gewalt wehre ich mich, weil es bösartige Absicht unterstellt. Für mich geht es um Übergriffe», sagt Lucia Mikeler. Die freiberufliche Hebamme aus Bottmingen, die für die SP im Landrat sitzt, hat schon viel erlebt: weit über 2000 Geburten insgesamt, pro Jahr über 120. Die 59-Jährige ist Beleg-Hebamme, begleitet also eine Frau in der Schwangerschaft, unter der Geburt und auf Wunsch auch noch im Wochenbett durchgehend. Sie hat einen Vertrag mit dem Bethesda-Spital, hält sich aber auch dort nicht zurück: Mikeler bemängelt die hohe Kaiserschnitt-Rate, die Belastung der festangestellten Hebammen mit Administrativ- und auch Putzarbeiten oder die Unruhe durch Ärzte-Schichtwechsel während einer Geburt.

Mikeler möchte nicht die medizinische Expertise der Ärzte und Hebammen am USB oder Bethesda infrage stellen. «Aber heute muss man eben mehr mit den Frauen reden als früher – und das auf eine andere Art.» Ihren Lösungsansatz will sie nicht als reine Eigenwerbung für das Beleg-Hebammen-System verstanden haben, auch wenn es danach klingt: Das Wichtigste sei, dass die Bezugspersonen im Gebärsaal nicht ständig wechseln. «Es braucht also entweder mehr Beleg-Hebammen, mehr Hebammen generell oder wenigstens weniger Nebenaufgaben für sie.»

Dass das Thema «Gewalt unter der Geburt» nun auch die Region erreicht, lässt sowohl das USB wie das Bethesda nicht kalt. Beide Spitäler beteuern auf Anfrage, die Sache ernst zu nehmen. «Der Vorwurf, Gewalt gegen Gebärende auszuüben, beschäftigt unsere Hebammen, Ärzte und andere Mitarbeiter natürlich sehr», sagt Irene Hösli, Chefärztin der Geburtshilfe am USB. Sie hält aber klar fest: «Es sind keine direkten Rückmeldungen zu erlebter Gewalt bei uns eingetroffen.» Tatsächlich hat auch Anina Steiger ihre Eindrücke dem Spital bis heute nicht mitgeteilt. USB-Sprecher Thomas Pfluger dazu: «Bei solchen Vorwürfen fühle auch ich mich hilflos, denn sie hätte sich längst bei uns melden können.»

Auch das Bethesda zeigt sich gesprächsbereit: «Das Thema beinhaltet viele Facetten, die sich teilweise auch im Arbeitsalltag unserer Geburtsklinik widerspiegeln. Ein Not-Kaiserschnitt etwa kann zu einer gewissen psychischen Traumatisierung der Schwangeren führen», sagt Direktor Thomas Rudin. Die Kaiserschnitt-Rate am Bethesda sei aber keineswegs erhöht. Zudem sei sie rückläufig.

Neue Schulung für das Spitalpersonal

Hösli appelliert, den Ärzten und Hebammen zu vertrauen. «Eine Geburt kann gefährlich für die Mutter und das Kind sein, und manchmal ist ein rasches und entschiedenes Handeln notwendig. Es hat sich bewährt, dem Paar oder der Mutter dann in kurzen und klaren Sätzen zu sagen, was sofort getan werden muss.» Der Forderung, die Hebammen zu entlasten, stehen die beiden Häuser unterschiedlich gegenüber. «Administrative Aufgaben, aufräumen und putzen gehören seit jeher zum Arbeitsalltag im Spital. Das bedeutet nicht, dass zu wenig Zeit für die gebärende Frau da ist», sagt Pfluger. Rudin hingegen sagt, dass es «interne Bestrebungen gibt, die Hebammen von der steigenden Dokumentationspflicht zu entlasten».

Einig sind sich Bethesda und USB, dass sie das Thema nun selbst vertiefen werden: das Unispital an einer Mitarbeiter-Fortbildung und das Bethesda an einer Fachtagung und an Team-Sitzungen.