Überraschendes Lob aus dem Mund eines KMU-Chefs: «Gewerkschafter habe ich im Wesentlichen als vernünftige Leute kennen gelernt», erklärt Joey Schaffner, Mehrheitsaktionär und CEO der Prattler Rohrbogen AG – und dies kurz vor dem 1. Mai. Klar: Gewerkschaften seien Interessenvertreter. «Aber das ist ja schliesslich ihre Aufgabe.» Hier könne man mit den Gewerkschaften zusammensitzen und pragmatische Lösungen finden.

«Das funktioniert gut. An der Schweiz schätze ich nicht zuletzt diese Sozialpartnerschaft», betont der Vertreter einer Gilde, die oft genug abwehrend bis allergisch reagiert, wenn in unerfreulichen Situationen wie Massenentlassungen die Gewerkschaft Unia ans Werkstor pocht.

Auf harte Proben gestellt

Zweimal stand Rohrbogen in diesem Jahrzehnt schon am Abgrund: Nach der Finanzkrise brach die Nachfrage ein, man schrieb hohe Verluste. Dem 1936 gegründeten Familienunternehmen fehlte Ende 2011 ein Million Franken, um weiter zu machen. Joey Schaffner gab seinen Physikerjob in Hannover auf, kehrte nach Pratteln zurück und begann zu verhandeln.

Das bei Massenentlassungen obligatorische Konsultationsverfahren – oft genug nur eine Alibiübung – musste verlängert werden, aber am Schluss stand eine Lösung, zu der sowohl die Eigentümerfamilie als auch die Belegschaft beitrugen.

Es ging wieder aufwärts. Dann kamen der Frankenschock und die Billigkonkurrenz aus China. Nun stand die Aufgabe der Produktion in der Schweiz – Rohrbogen hat für Massenprodukte einen zweiten Standort in Polen – zur Debatte, denn 98 Prozent der Prattler Produktion gehen in den Export. Es kam erneut zum Konsultationsverfahren. Man fand sich.

Schaffner rechnet es Gewerkschaft und Betriebskommission hoch an, dass sie einer 4-prozentigen Lohnkürzung und der Entlassung von 12 Mitarbeitenden zustimmten. «Aber die Kosten mussten runter.»

Millionen für eine neue Anlage

Scheppern, Rumpeln, Metallverarbeiterduft. Und mitten in der im Dreischichtbetrieb laufenden Geschäftigkeit ein zweistöckiger Koloss: die Presse der neuen Anlage. Noch installieren Arbeiter Roboterarme.

Projektleiter Jens Meier erklärt den späteren Ablauf: Zuerst biegt eine selbst entwickelte Maschine – fotografieren verboten, Betriebsgeheimnis – die Edelstahlrohre. Dann folgt vollautomatisch das Zuschneiden aufs Mass, bevor die Bogen in die Presse kommen. Dort werden sie beidseitig verschlossen und mit Wasser mit einem Druck von bis zu 3700 bar – ein Autoreifen hat 3,5 bar – gefüllt.

So wird das Stahlrohr buchstäglich aufgeblasen. Von aussen hält die neue Presse mit bis zu 1000 Tonnen die Matrize dagegen, die dem Rohr seine Form gibt. «Kürzlich geriet eine Fliege in die Form», berichtet Meier. «Hinterher war ihr Flügelabdruck im Stahl zu sehen.»

Durch dieses Verfahren bleibt die Innenwand der Rohre glatt. Dieser buchstäblich innere Wert ist entscheidend für Anlagen in der Lebensmittel-, Chemie- oder Pharmabranche oder in der Messtechnik.

Rund 3 Millionen Franken inklusive der Eigenleistungen kostet die neue Anlage. «Der Schweizer Standort lebt wegen der Kosten von der Automation», erklärt Schaffner. Da auch die Messtechnik- und Anlagenbau-Industrien als Rohrbogenkunden zunehmend mit – naturgemäss unflexiblen – Robotern arbeiten, nehmen zudem die Anforderungen an die Präzision der Rohre zu.

Umzug im Jahr 2019

In Pratteln entwickle man mit rund 70 Mitarbeitenden die komplexen kundenspezifischen Produkte, wie beispielsweise Edelstahlgehäuse für Zahnarztgeräte oder U-Bogen mit präzis abgeplatteten Stellen, von denen in Algenproduktionsanlagen pro Hektar 30 000 Stück zum Einsatz kommen. «Mit unserer Schweizer Qualität sehen wir gute Chancen auch in den USA, wo wir nun neu eine Verkaufsabteilung aufbauen», erklärt Schaffner.

Das Firmenareal ist verkauft. «Als Pratteln das Nachbarareal der Zentrumszone zuteilte, wussten wir, dass hier langfristig kein Industriestandort ist», meint Schaffner. Zur Zeit wird intensiv daran gearbeitet, 2019 ins benachbarte Buss-Areal umzuziehen. Allerdings hat Schaffner auch Standorte in Frankreich und Deutschland angeschaut.

«Aber erstens kann man der Belegschaft nicht einfach den Lohn auf ein ortsübliches Niveau senken.» Zweitens habe man in Frankreich die Behördenproblematik und finde drittens in beiden Ländern ein viel schrofferes Verhältnis zwischen Unternehmen und Gewerkschaften.

«In der Geschäftsleitung und im mittleren Kader haben wir junge Leute», sinniert Schaffner. «Die wollen etwas verändern. Dafür ist die Schweizer Flexibilität der Behörden und Gewerkschaften ein entscheidender Standortvorteil.»