Wie schaffen es Papierschnipsel mit den aufgedruckten Antlitzen von Fussballern, Menschen im fensterlosen Raum zusammenzubringen, zumal doch draussen die Sonne scheint und es endlich Frühling, endlich warm ist, sodass es einen eigentlich ins Grüne zöge, auf den Spielplatz, ins nächstgelegene Strassencafé?

Besagte Papierschnipsel, das sind Panini-Sticker, und Panini wiederum, das ist die italienische Firma, die Sammelalben mit nummerierten Kästchen vor allem ans Kind bringt, in die ebenso nummerierte Sticker geklebt werden müssen. Das geschieht in allerlei Themenbereichen, doch denkt man an Panini, denkt man vor allem an Fussball-Welt- und -Europameisterschaften.

Seit der EM 2012 veranstaltet die Kantonsbibliothek Baselland, kurz KBL, alle Fussballgrossanlassjahre wieder eine Tauschbörse für ebenjene Sticker. Vergangenen Mittwochnachmittag war es so weit: Knapp 70 Sammelwütige nahmen die Lesetische, Fussböden und sogar die Ausleihtheke in Beschlag, um Breel Embolo gegen Gylfi Sigurðsson zu tauschen, Ahmed Abdelmomed Fathy gegen das Teambild Panamas oder Kalidou Koulibaly gegen das silberhinterlegte Logo der «Soccaroos» respektive des australischen Fussballverbandes.

Auf sich tragen sie fein säuberlich geordnete Stapel doppelter Bildchen und Listen dessen, was noch fehlt. Manche führen sie von Hand, andere auf ihrem Smartphone, wieder andere haben Computerausdrucke dabei. Das Sammeln, fraglos, geht hier hochprofessionalisiert vonstatten.

Einer, wird gemunkelt, soll besonders selten sein: Cristiano Ronaldo. Auch Timothé Zaugg fehlt er noch. Dass der Weltfussballer auf der Online-Auktionsplattform Ricardo Erlöse von über zehn Franken generiert, weiss der 13-jährige Liestaler nicht. Das würde er aber auch nicht bezahlen, so wichtig ist ihm das «Vollkriegen» seines Albums nicht – «und Messi find ich sowieso besser». Sein Kumpel Florian Salathe, zwölf, sammelt zwar, allerdings nicht fürs Album, sondern des Spielens wegen. Er tauscht nämlich nicht, sondern pustet und klopft um die «Bildli».

Es ist das magische Wort in diesen Stunden: «Bildli!» Und die Frage: «Tüschlisch?» Das geschieht ganz von alleine, klebende Fussballer bringen Ethnien, Geschlechter und Generationen zusammen. Mütter sind mit ihren Söhnen hier und Grossväter mit ihren Enkeln, kleine Schwestern verhandeln für ihre grossen Brüder und Väter für ihre Töchter, Jugendliche mit Erwachsenen, Mädchen mit Männern. Und wenn es doch etwas harzt mit der Kommunikation, kommt er ins Spiel: Michele Salvatore, Initiant der Tauschbörse.

Er führt zusammen, ermutigt, kurz: animiert, wie es in seiner Stellenbeschreibung als soziokultureller Animator steht. Er staunt, wie viele Mädchen und Frauen sich unter den Sammlern tummeln. «Das Bildli-Sammeln war früher eine reine Bubensache, heute sind fast die Hälfte der Sammler weiblich», bilanziert er. Im Zusammenführen von Menschen sieht er den Zweck der Tauschbörse. Darum geleitet er die scheue Sophie Pusterla, sieben, zu Profisammler Kevin Bussard aus Rümlingen. Sobald die magischen Worte gefallen sind, spielt das Alter keine Rolle mehr, und schon geht er Sophies Stapel «Doppelte» mit geübten Fingern durch.

Eigentlich sammelt Anita Schmocker ja nicht selbst. Der Sammler ist ihr elfjähriger Sohn Timo, ein grosser Fussballfan mit einem Kinderzimmer voller Kickerpostern – und ihr Mann. Der hat zum Sammelstart gleich zwei Boxen à 100 Tütchen gekauft, 1000 Sticker auf einen Streich, der Tag des Öffnens war wie Weihnachten und Geburtstag. Nun fehlen nur noch zwei, die Nummern 92 und 559. Denen jagt vor allem Mutter Anita nach, spricht Wildfremde an, verhandelt und klatscht schliesslich mit Sohn Timo ab, als die beiden Sticker gefunden sind. Herrn Papa wird’s besonders freuen.

Am 28. April 2018 findet in der Kantonsbibliothek Baselland zwischen 13 und 15 Uhr eine weitere Panini-Tauschbörse statt. Die ersten 50 Personen erhalten je zwei Päckchen «Bildli» geschenkt.