Deutsch spricht Ibraahin Abokor kaum, ohne Dolmetscher kann man nicht mit ihm reden. Aber die Zahl «sechshundertachtundzwanzig» sagt der Somalier auf Deutsch. So viel (in Franken) verdiente er letzten Monat mit dem Verkauf des Strassenmagazins Surprise. Das erfüllt ihn mit Stolz. Denn die Sozialhilfe in seiner Wohngemeinde Dornach muss ihm nur noch die Wohnung und die Krankenkasse zahlen.

Den Rest seines Lebensunterhaltes deckt er mit den rund 600 Franken monatlich aus dem Verkauf der Hefte. Sechs Franken kostet eines, 2 Franken 70 davon fliessen in seine Tasche. Etwas über 200 Hefte verkauft er monatlich, vor den Coop-Läden in Reinach und Arlesheim – wobei er viel lieber in Arlesheim ist. «Hier kommen zwar weniger Leute vorbei, aber sie kaufen mehr ‹Surprise›», hat er festgestellt. Und jetzt freut er sich ganz besonders, denn Weihnachten steht bevor. Vor den «Festen der Schweizer», wie er sagt, seien die Arlesheimer Passanten noch kauffreudiger.

Sein Heft kaufen fast nur Frauen, meist ältere, «und nur Schweizerinnen», sagt er. Obwohl er seit Jahren vor dem Coop Arlesheim steht, hat er dort nicht wirklich eine Stammkundschaft. «Wenn mir eine Frau drei- oder viermal ein Heft kauft, dann wohnt sie wohl in Arlesheim», vermutet er. Fragen kann er sie nicht, er redet ja kaum Deutsch. Sein fehlendes Sprachtalent ist auch der Grund, warum er in der Schweiz keine Stelle lang behalten konnte. Sein Traumjob wäre irgendwas mit Logistik.

Vorerst hofft er aber, dass er eines Tages dank «Surprise» wenigstens einen Teil seiner Krankenkasse und seiner Wohnung zahlen kann. «Ich wäre doch so gerne selbstständig», sagt er. Das Wort «selbstständig» sagt er auf Deutsch.

Die Füsse tun ihm weh

Einen Beruf gelernt hat der 54-Jährige nie. Mit 14 wurde er in die somalische Armee eingezogen. Als er entlassen wurde, war er 25, stand auf der Strasse und hatte nichts – ausser einer Hüftverletzung, die er sich als Soldat geholt hatte. Angesichts der Kämpfe zwischen verschiedenen Clans sah er für sich bald keine Zukunft mehr in Somalia und floh 2008 in die Schweiz. Eigentlich wäre er lieber in seiner Heimat geblieben, wo abgesehen von seinen zwei Töchtern seine ganze Familie lebt. Aber aus einem Grund liebt er die Schweiz: «Sicherheit» – auch das ist eines der wenigen Wörter, die er auf Deutsch kennt.

Sechs Tage pro Woche bietet er stumm sein Heft an. Vom vielen Stehen tun ihm die Füsse weh, bei schlechtem Wetter auch die Hüfte. Die Ärzte meinen, er habe unterschiedlich grosse Füsse und solle deshalb weniger stehen. Doch Abokor gibt nicht so schnell auf: «Für mich ist das Wichtigste, dass ich jeden Tag arbeiten kann.» Und so wird er weiterhin in Arlesheim vor dem Coop zu finden sein.

Um ihn herum ist der herausgeputzte Arlesheimer Dorfkern. Elektrovelos fahren vorbei, in den Schaufenstern der Boutiquen kostet eine Kindermütze aus Babyalpacawolle 98 Franken und ein Hemd aus ägyptischer Baumwolle 229 Franken. Aber davon kriegt er nichts mit. Er freut sich einfach über jeden, der für sein Heft sechs Franken übrig hat. «Und weil mir hier in Arlesheim so viele Leute ein Heft abkaufen», so seine logische Schlussfolgerung, «müssen die Leute hier viel Geld haben».