Die Plakat-Einsammler waren fleissig: Schon am Tag nach der Abstimmung über den Margarethenstich ist entlang der Binninger Hauptstrasse kein einziges Plakat mehr zu sehen, weder vom Ja-, noch vom Nein-Lager. Und das in der Gemeinde, auf deren Boden die meisten der 365 Meter Geleise in den Boden gerammt worden wären – und wo das Gerücht herum ging, wegen der neuen Tramverbindung würde das Margarethen-Kirchlein geschliffen.

Die Propaganda ist aus dem Strassenbild verschwunden – in den Köpfen hallt die Abstimmung nach. Bei einigen ziemlich heftig. Zum Beispiel bei einem Mann, der an der Hauptstrasse im Café Tatkraft sitzt. «So ein Blödsinn, dieser Margarethenstich», enerviert er sich. «Dort wollen sie Millionen verbauen, und was ist mit uns, mit uns Rentnern? Wir haben immer weniger Geld. Sollen wir denn verrecken?» Seit 37 Jahren wohne er in Binningen. Er wisse, was das Dorf brauche und vor allem: was nicht. Roger Moll, den Präsidenten des Referendums-Komitees, kenne er vom Turnverein her. «Wenn ich ihn sehe, gratuliere ich ihm!»

Die Binninger hätten Angst vor noch mehr Stau, sagt ein Passant. Deshalb sei das Projekt durchgefallen. «Erst gerade haben sie beim Dorenbach-Kreisel alles aufgerissen. Und jetzt soll die Bauerei gleich unten im Tal weiter gehen? Das will hier niemand.» Er arbeite in Binningen, wohne jedoch im Solothurnischen Leimental, habe also nicht abstimmen können. «Aber wenn, dann hätte ich Nein eingelegt, ganz sicher.» Keinen Glauben habe er den Gerüchten geschenkt, die herumerzählt worden seien im Dorf. «Dass das Chileli weggekommen wäre, das ist doch Schwachsinn.»

«Projekt kam nicht gut rüber»

Ein Gewerbetreibender sagt, er habe ebenfalls Nein gestimmt. Mit seinem Namen will er nicht in die Zeitung, «sonst erhalte ich noch böse Anrufe.» Dann kommt eine Aussage, die seltsam wirkt, aber wohl auf viele Stimmbürger zutrifft: «Das Projekt wäre vielleicht schon die beste Lösung gewesen, rein verkehrstechnisch. Aber es kam nicht gut rüber, und da sagt man halt rasch einfach mal Nein.»

Das Ja-Lager war zu passiv – dieser Einschätzung kann der Binninger Gemeindepräsident Mike Keller (FDP) beipflichten. «Es gelang es uns wohl im Abstimmungskampf nicht, der Binninger Bevölkerung die Angst um mögliche Autostaus durch den Margarethenstich zu nehmen.»

Laut Keller hätte auch der Regierungsrat in der Pflicht gestanden, sich stärker zu engagieren. Die Baselbieter Baudirektorin schaltete sich kein einziges Mal in den Abstimmungskampf ein, was auch Keller nicht entgangen ist. «Bundesrat Alan Berset hat sich für seine AHV-Vorlage ins Zeug gelegt. Warum ist das bei unserer Kantonsregierung nicht möglich bei einem Projekt, das sie befürwortet und forciert hat? Das gilt es nun zu diskutieren.»

Für den Binninger Gemeinderat ist der Ausgang der Abstimmung eine schallende Ohrfeige. Er stand geschlossen hinter dem Vorhaben. Noch im August verschickte das Gremium eine Medienmitteilung, in der es seine Haltung bekräftige. Nur einer von drei Stimmbürgern leistete der Empfehlung der Exekutive Folge. Der Nein-Anteil von 71.58 Prozent in Binningen ist der fünfthöchste im Kanton. Wuchtiger war die Ablehnung nur in Bretzwil (71,66 % Nein), Lampenberg (71,88 %), Lauwil (78,22 %) und Liedertswil (82,26 %). Auch das übrige Leimental wollte nichts wissen von der Verbindung. Am höchsten fiel die Zustimmung in Biel-Benken aus, mit rund 48 Prozent Ja. Dabei wird die Gemeinde gar nicht vom Tram bedient – nur eine von vielen Kuriositäten vom Abstimmungssonntag.

Ablehnung von links bis rechts

Grund zu Feiern hatte am Sonntag Roger Moll. Der Margarethenstich-Gegner der ersten Stunde sagt, er habe «im ganzen Leben nicht» mit einer solch hohen Ablehnung gerechnet. «Ich dachte, dass es knapp wird, so 50 zu 50, mit der Möglichkeit, dass es auf beiden Seiten kippen könnte.» Nie gezweifelt habe er jedoch über den Ausgang in seiner Wohngemeinde.

«Ich wusste, der Margarethenstich hat hier keine Chance. Das habe ich bereits im Frühling gemerkt, als ich Unterschriften sammelte fürs Referendum.» Die Unterstützer seien bunt gemischt gewesen, sagt Moll, «von links bis rechts, von grün bis konservativ». Der Alt-Landrat vermutet zwei Hauptgründe für die Ablehnung. Zuerst einmal wolle niemand noch mehr Stau auf der Tal-Achse. Und dann sei der Margarethenhügel vom Bund geschützt, stehe auf der Liste der erhaltenswerten Ortsbilder. «Der Eingriff hätte das ganze Ensemble empfindlich gestört.»

In einer Bäckerei findet sich dann doch noch eine Befürworterin der geplanten Verbindung. «Das wäre doch toll gewesen», sagt die Frau, «direkt zum Bahnhof mit dem 17er.» Bei der Frage, warum so wenige Binninger so denken würden wie sie, wird sie verlegen: «Ähm, ich wohne in Bottmingen.»