Nach dem langen Schlussapplaus gab Eugen Drewermann den Dank zurück. «Ich wurde gefragt, wie ich denn in einem Dorf wie Sissach gelandet sei. Nun, die Schweiz ist der einzige Ort, wo ich überhaupt noch Vorträge halten darf. In katholischen Ländern wie Österreich wäre das ganz unmöglich.»

Eingeladen wurde er von der reformierten Kirchgemeinde, und also sprach einer der grössten katholischen Theologen der Gegenwart in Sissach über den Kern der christlichen Botschaft. Und natürlich über Martin Luther.

Nationalrätin Maya Graf war berührt von Drewermanns Botschaft. «Ich befasse mich seit einer Weile mit dem tibetanischen Buddhismus, und es ist überall dasselbe: Es geht um Mitgefühl, Toleranz und Liebe.» Wie die meisten, die den deutschen Theologen zum ersten Mal live erleben, fand auch die ehemalige Sissacher Kirchenpflegerin «beeindruckend, wie Drewermann 75 Minuten ohne Notizen redete und am Schluss ein Gedicht von Rainer-Maria Rilke zitierte, alles aus dem Kopf.»

Drewermann bezeichnete sein fotografisches Gedächtnis auch schon als «Behinderung». Doch so kann er seine Gedankengänge ebenso frei wie in druckreifen Sätzen vortragen. Er schweift von biblischen Geschichten über Dostojewski-Romane bis zu Beispielen aus der Praxis von Sigmund Freud, und am Schluss landet er immer wieder punktgenau bei seinem Kern: «Religion muss Menschen befähigen, einander zu helfen, statt über einander zu Gericht zu sitzen.» Dass sich damals wie heute «die Ordnungshüter der Religion von dieser Haltung angegriffen fühlen», hat Drewermann am eigenen Leib erfahren (siehe Box).

Luthers Zettel

Drewermann verbindet die biblischen Geschichten mit der Psychotherapie: «Viele Menschen erleben sich so, dass alles, was sie tun, auf unfruchtbaren Boden fällt. Religion und Therapie können den Menschen das Vertrauen geben: Du bist kein vergeblicher Mensch, Dein Leben ist fruchtbar.»

Auch Luthers Botschaft sei es gewesen, dass Menschen so angenommen sind, wie sie eben sind. Drewermann erzählt von dem Zettel, den man neben Luthers Sterbebett gefunden habe. «Wir sind Bettler. Das ist wahr», hat der Reformator geschrieben. Luther habe realisiert: Er hatte von der Gnade Gottes geredet, und daraus wurde ein Streit, ja ein Krieg darüber, wie man «Gnade» zu verstehen habe. Das sei, wie wenn man auf einer Blumenwiese von der Schönheit einer Blume überwältigt sei und am Schluss darüber streite, wer die richtige Blume habe.

Menschen wie Tiefseetaucher

Max Kulzer, ehemaliger katholische Pfarrer von Sissach, hat schon viele Vorträge von Drewermann gehört: «Sonst benützt er oft das Wort ‹evident›, das hat er heute nicht getan. Aber wie er die einzelnen Geschichten wie Perlen an einem Rosenkranz aufreihte, war eben genau das: einleuchtend.» Drewermann nimmt das Publikum in der vollen Turnhalle mit seinen Bildern und Geschichten mit. Überhaupt sei Religion am besten mit Kunst auszudrücken, also mit Literatur, Musik, Malerei etc.: «Sobald man Religion rational verfasst, stellt sie sich gegen andere Religionen.»

Jesus hingegen begegne den Menschen wie «Tiefseetaucher in Trient, die auf dem Meeresgrund eine überwachsene Statue finden und vermuten, es könnte die Venus sein. Die Archäologen entfernen dann ganz sorgfältig alle Algen und Schlingpflanzen, bis sie das Kunstwerk der ursprünglichen Figur freigelegt haben.» So erlebe sich der Mensch im Bannkreis einer menschlichen Religion: Er ist gut, wie er ist, weil er ist, wie er ist.