Schweizer Salzgewinnung bis zum Ende des Jahrhunderts sichergestellt», titelten die Schweizer Salinen im Mai 2017 auf ihrer Website. In den Zeitungen war die Neuigkeit bloss eine kurze Meldung wert. Nichts deutete damals daraufhin, dass ein Landwirt der Saline Schweizerhalle die Suppe versalzen könnte. Zum ersten Mal in der 180-jährigen Salzabbau-Geschichte im Baselbiet und im Aargau, stellt sich eine Dorfbevölkerung der Monopolistin entgegen. «Rütihard, kei Loch – Ende der Durchsage», sagte der Muttenzer Bürgerratspräsident Hans-Ulrich Studer neulich, sei die unverrückbare Haltung der Rütihard-Bohrgegner. Woher rührt dieser vehemente Widerstand?

Mitte März dieses Jahres stand in Muttenz Ruedi Brunner auf. Die Nachricht, auf seinem liebsten Stück Pachtland würde ab 2025 für die nächsten 50 Jahre Salz gefördert, erschütterte ihn. Über Nacht wendete sich Brunner an die Öffentlichkeit; im Internet formierte sich der Dorfwiderstand «Rettet die Rütihard». Seit nunmehr drei Monaten bringt diese Bewegung die Schweizer Salinen in die Bredouille. Bislang fruchteten ihre Versuche nicht, die Bevölkerung mit Fakten über den Salzabbau aufzuklären. Die Öffentlichkeitsarbeit des Salz-Monopolisten kühlte die polemische Stimmung in der Causa Rüthiard nicht ab. Im Gegenteil – die Meinungen sind gemacht.

Für die Salinen kam der heftige Aufstand gegen ihre Pläne überraschend. Beinahe zwei Jahrhunderte förderten die vormals als Rheinsalinen bekannten Werke Salz, und kaum jemand nahm Notiz davon. Einzig Salzengpässe im Winter sorgten für Diskussionsstoff. In einer Medienmitteilung informierten die Schweizer Salinen 2016, die Muttenzer Rütihard werde in den Fokus der Salzabbaupläne rücken. Es gab kein mediales Echo. Nie rührte sich jemand, während die Saline jahrzehntelang Sole aus den Tiefen des Baselbiets förderte. Auf der Rütihard ist jetzt alles anders.

Urs Hofmeier rätselt seit Wochen über die Gründe für den Rütihard-Widerstand. Der Geschäftsführer der Schweizer Salinen fragt sich, ob es ein gesellschaftliches Phänomen ist, das sich schweizweit wiederholt. «Die Leute wollen sichere Strassen und störungsfreie Mobilität, aber die Rohstoffe sollen bitte anderswo abgebaut werden», gab Hofmeier im April gegenüber der NZZ zu Protokoll. Auf einer Metaebene mag diese Tendenz stimmen. In der zusehends zersiedelten Schweiz nimmt der Dichtestress zu, die Bevölkerung schreit zusehends nach Landschaftsschutz. Für den Fall Rütihard gibt es jedoch dezidiertere Gründe, welche den Salzstreit erklären lassen.

Die Saline habe die Bevölkerung in Rücksprache mit der Bürgergemeinde als Landbesitzerin so informieren wollen, wie sie es immer pflegte. Es war eine defensive Informationspolitik, weil die Öffentlichkeit nie nach mehr Neuigkeiten schrie. Wer den Geschäftsbericht 2016 der Schweizer Salinen durchliest, findet den klein gedruckten Hinweis auf die geplante Salzgewinnung unter der Rütihard. In der schlaflosen Nacht auf den 18. März entdeckte Landwirt Brunner diesen Abschnitt. Sie beseitigte seine letzten Zweifel nach der Bürgerrats-Information.

Er war überzeugt: Ab 2025 will die Saline Schweizerhalle auf der Rütihard Salz fördern. In den 80er-Jahren hatte die Saline gemäss mehreren Personen im Dorf verlauten lassen, die Salzvorkommen auf der Rütihard seien nicht abbauwürdig. Aus den geologischen Berichten zu den Sondierbohrungen von 1953 und Mitte der 80er-Jahre gehen jedoch gemäss Saline-Geologe «schöne Salzvorkommen» hervor. Das Gefühl, die Saline wolle ihre Pläne nicht offenlegen, hatte sich festgesetzt und verstärkte die «Rettet die Rütihard»-Bewegung von ihrer Geburtsstunde weg. Zu einem gewissen Teil ist die Informationslage im Ungleichgewicht, weil die Salinen schon ewig das Monopol innehaben. Mangels Konkurrenz konzentriert sich das Wissen über den Salzabbau auf wenige Personen.

Der Salzstreit von Muttenz widerspiegelt auch, inwiefern die Bürgergemeinde als Personalkörperschaft kein zeitgemässes Konstrukt mehr ist. Wie Hans-Ulrich Studer festhielt, ist die Bürgergemeinde als Landbesitzerin nicht der Gesamtbevölkerung verpflichtet. Rund 3300 Bürger zählt die Muttenzer Bürgergemeinde. Die Rütihard als Allmendgut, also für alle Menschen zugängliches Naherholungsgebiet, interessiert jedoch auch Nicht-Bürger. Ein Fakt, der im Zusammenhang mit den Salz-Bohrungen zusätzlichen Zündstoff birgt und vom Bürgerrat nicht genügend berücksichtigt wurde. Eine bessere Absprache mit der Einwohnergemeinde hätte hilfreich sein können.

Indes, ein besserer Informationsfluss hätte den Salzstreit um die Rütihard kaum verhindert. Es gibt Aspekte, die erklären könnten, weshalb der Widerstand auf der Rütihard für die Salinen ein Novum darstellt. Dort, woher in den letzten fünfzig Jahren die Sole Richtung Schweizerhalle floss, sind die Bedingungen anders als auf der Rütihard. In den Gebieten Sulz, Grosszinggibrunn, Zinggibrunn und Wartenberg besass die Saline viele Landparzellen. Sie hatte keine Widersacher, konnte eigenmächtig handeln. Zudem ist diese Gegend weitab von den Wohnzentren in Pratteln und Muttenz nur dünn besiedelt. Beschwerden wie jene der Wirtin im Restaurant Egglisgraben blieben die Ausnahme. In Möhlin sieht die Gemütslage ganz anders aus: Obwohl die Salinen ein Kavernenfeld in Dorfnähe neu erschliessen, gebe es keine Reklamationen.

Vielen Gründe sind Ursache dafür: Muttenz will seine grüne Lunge Rütihard nicht hergeben. Fragen der Bevölkerung zu den Auswirkungen der Salzbohrungen auf den geologischen Untergrund beantworteten die Salinen bislang unbefriedigend. Es bahnt sich ein langatmiger Diskurs ab. Die Salinen wollen an ihren Rütihard-Plänen festhalten. «Wir nehmen uns Zeit, den Dialog zu führen», sagt Hofmeier. Ohnehin muss der Salz-Monopolist einen Weg gehen, wie er ihn bislang nicht kannte. Den Rütihard-Bohrgegnern kommt entgegen, dass die Konzession 2025 ausläuft. So haben die Salinen neben dem Salzstreit zur Rütihard eine zusätzliche Hürde zu nehmen.