Ein Dienstagmorgen im Gemeindesaal von Zunzgen. Draussen regnet es, im Raum spielen sich zwei Frauen und sieben Männer gesetzten Alters mit ihren Saxofonen ein für die bevorstehende Probe der «Silverhorns». Zwei Senioren stehen, die anderen sitzen. «Ich stehe immer beim Musizieren. Dann bin ich nicht so zusammengepresst und habe freien Schnauf», erklärt der eine. Nachdem der erkältete Dirigent Thomas Heid mit heiserer Stimme ein paar Infos weitergegeben hat, übernimmt er das Zepter.

Wie ein Dompteur in der Arena

Zuerst die Tonleiter: G-Dur für Altsax, C-Dur für Tenorsax. Er bewegt sich wie ein Dompteur in der Arena, aber er muss seine grauhaarigen Schülerinnen und Schüler nicht bändigen, sondern treibt sie an. Heids Mimik ist unverkennbar; er gibt eine Tonfolge mit lauteren und leiseren Tata, Tata, Tata von sich, hält permanent Augenkontakt zu den Musizierenden, schnippt mit Fingern, klatscht und wirbelt mit den Händen, stampft, geht in die Hocke, zeigt die Einsätze an. Sein Gehör ist trainiert – nichts entgeht ihm. «Du bist zu früh», sagt er zu einem Mann. Und zu einem anderen: «Aufwärts gut, abwärts weniger.» Der Dirigent lässt wiederholen, bis er zufrieden ist. «Irrsinnig!»

Thomas Heid erteilt an der Regionalen Musikschule Sissach Saxofon-Unterricht. Vor vier Jahren zeichnete sich ab, dass die Stundenzahlen allgemein an Musikschulen am Sinken sind. «Das hat mit der ganzen finanziellen Entwicklung zu tun, Eltern wollen nicht mehr so viel Geld für Unterricht ausgeben», konstatiert Heid. Und dagegen habe er etwas unternehmen müssen.

Gesagt, getan. Der 52-jährige Musiklehrer besuchte ein Altersheim in Pratteln, wo seine Frau als Gedächtnistrainerin tätig ist. Er musizierte und sang mit den Pensionären. «Das hat mir sehr gefallen.» Thomas Heid dachte bereits an eine zusätzliche Ausbildung. Er wählte Musikgeragogik (musikalische Bildung im Alter) und absolvierte im norddeutschen Münster einen einjährigen Lehrgang mit Blockveranstaltungen. Um das Abschlusszertifikat zu erlangen, musste Heid ein Projekt gestalten. Seine Idee war geboren: ein Saxofon-Orchester mit Senioren zu gründen.

«Ich habe gedacht, vielleicht gibt es ein paar Leute, die daran interessiert sind», blickt Heid zurück. Dieser schaltete in einer Oberbaselbieter Lokalzeitung ein Inserat. Mit Erfolg. Gleich 30 Personen meldeten sich. «Ich wurde regelrecht überrumpelt.» Das Projekt startete. Derzeit sind noch 25 Leute dabei, die seit drei Jahren fleissig am Üben sind. Sie alle wohnen im Oberbaselbiet, von Bubendorf bis Rothenfluh. Frauen und Männer sind zahlenmässig ziemlich ausgeglichen, die Männer leicht in der Überzahl. Ein Mitglied zahlt pro Semester einen durchschnittlichen Beitrag von 600 Franken.

Senioren schöpfen aus dem Vollen

Hin und wieder greift Thomas Heid während der Schulung im Zunzger Gemeindesaal selber zum Saxofon, spielt ein paar Takte und demonstriert, wie es klingen sollte. Dann wird es schwieriger – eine Oktave höher. Die Senioren schöpfen aus dem Vollen. Heid lobt, hebt den Daumen hoch und ruft begeistert: «Gut, toll, das ist nicht so einfach.» Das Sax einer Frau piepst nur noch, weil im Mundstück das Holzplättchen nass ist. Dieses wird sogleich ausgewechselt und das Instrument neu gestimmt.

Zu Holzplättchen gibts Alternativen. Heid präsentiert ein Produkt, das aus einer flüssigen Mischung von Bambus und Kunststoff gegossen ist. Es ist schwarz und Holzplättchen qualitativ ebenbürtig. Es sei zwar teurer, halte dafür ein paar Jahre, verspricht der musikalische Leiter.
Die «Silverhorns» blasen mit voller Puste weiter. Der Name deutet auf die teils schlohweissen Haare ihrer Mitglieder hin. Es war Thomas Heids Kreation, aber niemand sträubte sich dagegen. Auch der Dirigent hat schon ein paar graue Haare, dafür reicht sein Schopf bis auf die Schultern. «Ich bin jetzt noch der Jüngste, das geniesse ich natürlich», witzelt der 52-Jährige.

«Mögt ihr noch?»

Primär sind es Pensionierte. Wichtig ist, dass die «silbernen Hörner» am Vormittag Zeit für Proben haben. Aktive musikalische Erfahrung ist nicht notwendig. Neun Musikanten sind fortgeschritten. «Die restlichen sind blutige Anfänger. Ich teile die Gruppen entsprechend auf», so Heid.

Dieser leitet über zum ersten Stück, das seine Schützlinge heute üben: Teile aus Händels Wassermusik. Thomas Heid stellt sich zwischen zwei Tenorsaxofonisten und probt mit ihnen im Takt eine Passage. «Das Stück spielen wir an unserem nächsten Auftritt. Deshalb mache ich ein bisschen den Doktor», erklärt er seine Hartnäckigkeit. Nochmals ganz von vorne. Takt elf holpert noch, «aber das kriegen wir auch noch hin». Nach einer halben Stunde intensiver Arbeit fragt Heid: «Mögt ihr noch?» Einhelliges Nicken.

Nun ist Swing angesagt. Das neunköpfige Ensemble intoniert mehrstimmig «Tuxedo Junction» im Sound von Glenn Miller. Der Anfang ist schon mal gut, das Meiste stimmt, aber einzelne Einsätze müssen noch besser werden. Der Chef wird wieder pingelig. «Hier wäre zwischen den beiden Tönen eine kurze Pause», betont er – und zeigt es mit seinem Sax in Perfektion. Nach einem weiteren Durchgang hellt sich Thomas Heids angeschlagene Stimme auf. Er ist begeistert: «Das gibt den Hammer und wird das Publikum von den Sitzen reissen.»

Die Niveauunterschiede treten je länger, je mehr auf. Der Dirigent versucht jedoch, immer alles unter einen Hut zu kriegen, was grosse Flexibilität erfordert. Er lobt – und kritisiert, immer sachlich, nie verletzend. «Die Senioren reagieren positiv auf meine Kritik und quittieren sie mit dem nötigen Respekt, den ich auch ihnen entgegenbringe», erzählt Heid. Die 25 Senioren üben jede Woche in fünf Gruppen; drei, vier Stücke werden systematisch gelernt. Einmal monatlich ist Gesamtprobe angesagt.

Auf so was lässt sich ein Musiklehrer ein? «Noch so gerne», entfährt es ihm. Das sei eine tolle Sache, mit Erwachsenen zu arbeiten. Dies gebe eine ganz besondere Beziehung zu Leuten einer älteren Generation. «Die Begeisterung und Motivation, die sie haben, ist enorm, was mir auch immer wieder Schub verleiht», freut sich Thomas Heid. Die Gruppe ist mit einigen Altsaxofonen, etwa fünf Tenorsaxofonen, Sopran-, Bariton- und neulich auch einem Basssax ausgestattet.

Um die lockere Stimmung aufrechtzuerhalten, klopft der Dirigent zwischendurch Sprüche. Den Frauen und Männern gefällt das. Er teilt mit, dass er sieben neue Stücke bestellt habe, mittelschwierige. Es habe auch eine Überraschung darunter, «die mir zwar gegen den Strich geht», mehr wolle er noch nicht preisgeben.

Während des Musizierens wird mit dem Fuss gewippt – links oder rechts, stärker oder schwächer. Wichtig ist, dass man im Takt bleibt. Den Tango «El Choclo» haben die Senioren intus. Sie spielen ihn schon im ersten Versuch durch. Thomas Heid weist auf «rhythmische Gemeinheiten» hin und nimmt sein Metronom zur Hand. Mit diesem lässt er einen Schüler ein paar Mal den Anfang vorspielen. Nach der vierten Wiederholung fragt der Musikant: «Ist es gut?» Der Leiter entgegnet schmunzelnd: «Ja, ich wollte nur sicher sein, dass es kein Zufall war.» Heid hat seine Truppe im Griff.

Bei den «Silverhorns» melden sich immer wieder neue Musikantinnen und Musikanten; nach einem Zeitungsbeitrag letzten November haben 52 neue ihr Interesse bekundet. Nun ist Thomas Heid am Anschlag. «Das ist eine neue Situation.» Die Begeisterung ist jedoch ungebremst, die Nachfrage offenbar sehr gross.

Heid tanzt auf vielen Hochzeiten

Thomas Heid sorgt nicht nur für einen jeweils reibungslosen Ablauf der Proben, sondern auch für öffentliche Auftritte. Sein Ziel sind ein, zwei Konzerte pro Semester in der Region. Im vergangenen Jahr wurden die «Silverhorns» in ein Open-Air-Theaterstück in Sissach eingebunden und hatten acht Auftritte in Serie. Mittlerweile zählt ihr Repertoire 15 bis 20 Stücke, «alle Musikrichtungen, querbeet», wie sich Thomas Heid ausdrückt.

Neben seiner Tätigkeit als Lehrer an der Regionalen Musikschule Sissach und als Dirigent der «Silverhorns» engagiert sich der 52-jährige Heid als Dudelsackspieler in einer Pipeband, die unter anderem Wettbewerbe in Schottland bestreitet. Als Saxofonist tritt er zudem regelmässig in Kirchen auf und spielt auf Hochzeiten. Musik ist sein Leben.