Am 1. November 1983 nimmt «Radio Raurach» aus einem kleinen Studio in Sissach den Sendebetrieb auf. Mediengeschichte wird geschrieben. Endlich kennt auch die Schweiz staatlich anerkanntes, kommerzielles Lokalradio. Und die Basel-Landschaft ist ganz vorne mit dabei. Die Sendekonzession für das Baselbieter Radio hat der Bundesrat seither mehrfach verlängert.

Dabei haben nicht nur ein Mal Programmkonzept, Sendername, Eigentümerschaft gewechselt. Aus «Radio Raurach» ist über verschiedene Stationen «Radio Energy Basel» geworden, die vorläufig letzte Station eines dreissigjährigen Irrlaufs. Für Claude Janiak, Anwalt und Baselbieter Ständerat, steht zweifelsfrei fest: Was heute gesendet werde, «das hat alles nichts mehr zu tun mit der seinerzeitigen Konzession für Radio Raurach, einem echten hiesigen Radio».

Nicht mehr provinziell

Alles ist anders. Stand am Anfang hinter dem Sender eine schwachbrüstige Genossenschaft um den Baselbieter FDP-Nationalrat Karl Flubacher, so ist es nun mit Karlheinz Kögel ein süddeutscher Medienunternehmer, der das Mäntelchen aufhält, unter dem der Ringier-Konzern bei faktischer Umgehung des Radio- und Fernsehgesetzes das Radionetzwerk «Energy» mit Stationen in Zürich, Bern und Basel betreibt.

Konnte das Programm in den ersten Jahren nicht lokal, provinziell, handgestrickt genug sein, so ist der Sender heute eine Marketingmaschine, die sich einen Deut um regionale Belange kümmert. War das «Volksradio» gedacht, allen Baselbietern eine Stimme zu sein, so ist die ideale, maximale Rendite versprechende Konsumentin heute jung, weiblich, kaufkräftig. Oder wie es heisst: «Andrea (28), Single, Mini-Fahrerin».

Chronik des Scheiterns

Die Misere des Radios ist allerdings weder fremdverschuldet noch ein neues Phänomen; sie ist vielmehr hausgemacht, und dies noch vor den ersten Sendeminuten. Robert Bösiger, Radiomacher der ersten Stunde, hat das Jubiläum genutzt, um als Herausgeber eines Buches die wesentlichen Fakten zusammenzutragen. «Euses Radio. Vom Werden und Verschwinden eines Baselbieter Lokalradios» heisst die Publikation, die dieser Tage im kantonseigenen Verlag erscheint. Der Ton der Beiträge ist versöhnlich, doch der Inhalt zeigt schonungslos eine Chronik des Scheiterns.

Bereits ein halbes Jahr nach Sendestart ging das Gerücht um, die Genossenschaft habe ihr Kapital und die von Banken zur Verfügung gestellten Betriebsmittel aufgebraucht. Nach zwei Jahren war die Lage der Genossenschaft offenkundig verzweifelt, der Sender überschuldet, der Kanton wurde gar um Hilfe angerufen. Eine klandestine Aktion der Wirtschaft bewahrte davor und sorgte ein erstes Mal für frisches Kapital. Wie die für das Buch aufgearbeiteten Akten zeigen: Nur unter der Bedingung, öffentlich nicht genannt zu werden, trug etwa die «Basler Zeitung» 150 000 Franken zu dieser ersten Sanierung bei. Von da an wurde ihre Kasse immer wieder als geheime Geldquelle angezapft. Dabei sollte doch gerade «Raurach» zeigen, wie unabhängig der Landkanton vom städtischen Medienhegemonismus sei.

Sanierung an Sanierung

Die nächste Rettungsaktion erfolgte bereits 1987. Ciba, Roche, Sandoz, Bankverein, Baloise und Atel trugen rund
800 000 Franken zusammen. Nach aussen wurde nicht deklariert, dass die Stadtbasler Wirtschaftsbosse den Landsender retteten, der Anschein eines Baselbieter Lokalradios blieb gewahrt.

1991, die nächste Sanierung stand an, brachte die Gründung einer Aktiengesellschaft erstmals mit sich, dass die Geldgeber genannt wurden, die insgesamt 1,7 Millionen Franken frisches Aktienkapital einbrachten. Endlich schien Geld vorhanden, um wirklich Radio zu machen. Das Geld wurde allerdings auch genutzt, um es in der Euphorie zu verschleudern. Nutzniesser grosszügiger Spesen waren etwa der Red Rose Nightclub in Basel, der Nachtclub Copacabana in Rheinfelden oder der Golden Pascha in Weil.

Zwei Jahre später lag der Verlustvortrag bereits wieder bei 2,3 Millionen Franken. «Radio Raurach» war nach allen Regeln überschuldet. Das Obergericht drückte jedoch alle Augen zu, um nicht die sofortige Konkursliquidation über den Sender zu verfügen. Das Gericht handelte nach politischer Opportunität.

Nach rechtsstaatlichen Regeln hätte das Radio auch die Konzession verlieren müssen. Denn mangels alternativer Investoren wurde bei der Rekapitalisierung der Firma plötzlich die «Basler Zeitung» alleinige Besitzerin des Radios. Dies hätte zwingend der Aufsichtsbehörde gemeldet werden müssen. Doch die Aktion war so geheim eingefädelt, dass anfänglich nicht einmal der Verleger der Zeitung davon wusste.

Seit 1995 war selbst den Berufsbaselbietern klar, dass ihr Kanton kein Radio finanzieren kann. Der Medienunternehmer Bernhard Burgener erlöste die «Basler Zeitung» von der Radiolast und holte mit dem französische Radiokonzern NRJ (ausgesprochen: Energy) erstmals Profis an Bord. Es brach eine verhältnismässig ruhige Zeit für das Radio an, das mit dem Namen «Edelweiss» allerdings keinerlei Identifikation mehr mit dem Kanton versprach.

Wie sehr das Radio zum Spielball der Interessen geworden war, zeigte sich im Jahr 2002. «Radio Basilisk»-Gründer Christian Heeb verkaufte sein Stadtradio an den Zürcher Tamedia-Konzern, obwohl er in einem vertraulichen Vertrag der «Basler Zeitung» ein Vorkaufsrecht eingeräumt hatte. Dieser Vertrag, der aus Geheimhaltungsgründen nur in einem Exemplar angefertigt worden war, verschwand jedoch aus ungeklärten Gründen aus dem Tresor des Treuhänders. Zur Revanche übernahm der Zeitungsverlag nun wieder «Edelweiss» und positionierte ihn neu als «Basel 1» frontal gegen «Basilisk». Die Baselbieter waren bloss noch Zaungäste eines bizarren Radiokampfes, der nur Verluste produzierte.

Die Szenerie änderte 2007 erneut grundlegend, als die Zürcher Tamedia ihren Basler Sender «Basilisk» aus konzessionsrechtlichen Gründen bereits wieder abstossen musste. Die Zürcher hätten ihn auch der «Basler Zeitung» verkauft, doch dieser waren nach der Übernahme des einstigen Landsenders die Hände gebunden; zwei Sender in BaZ-Händen hätten zum Aufschrei geführt. So trat nun plötzlich der Wirtschaftsanwalt Martin Wagner als Käufer von «Radio Basilisk» auf. Wagner, Rechtskonsulent des Zeitungsverlags, war schon der Dealmaker, als mit Bernhard Burgener aus dem Nichts ein neuer Eigner von «Raurach» auf der Bildfläche erschienen war. Dass Wagner lediglich Strohmann in einer formaljuristisch nicht angreifbaren Scheinkonstruktion war, zeigte sich knapp drei Jahre später, als es erneut zu einem atemberaubenden Sesseltanz kam: Die Basler verkauften «Basel 1» an den einstigen «Basilisk»-Besitzer Christian Heeb. Kurz darauf erwarb der Zeitungsverleger Matthias Hagemann als Privatperson von seinem Anwalt Wagner «Basilisk». Und wiederum nur Wochen später verkaufte die Familie Hagemann den gesamten Verlag zu drei Viertel an Tito Tettamanti und angeblich zu einem Viertel an Wagner, der als neuer BaZ-Verleger auftrat. Mittlerweile weiss es die Region besser: Der eigentliche Eigentümer der «Basler Zeitung» heisst Christoph Blocher.

Christian Heeb hatte ambitionierte Pläne für das einstige Baselbieter Radio, das nun «Radio Basel» hiess und sein Studio von Liestal nach Basel verlegte. Ein wortlastiges Informationsmedium schwebte ihm vor. Doch das Redaktionsbudget von fünf Millionen Franken lag Welten entfernt von den realisierbaren Werbeeinnahmen. Bereits 2010 musste die Bilanz bereinigt, das Kapital abgeschrieben und mit fünf Millionen Franken neu gebildet werden.

Karlheinz Kögel, Heebs Partner, sah dem kostspieligen Treiben nicht lange zu. Mehr oder weniger hinter dem Rücken von Heeb begann er mit dem Ringier-Konzern zu verhandeln, der auch Basel in sein «Energy»-Netz einweben wollte. Heeb, auf Kögels finanzielle Unterstützung angewiesen, stieg unter Protest aus, als er davon erfuhr. Heeb selbst erklärt, mit dem Radioabenteuer rund zwei Millionen Franken verbrannt zu haben. Kögel selbst kolportiert weit höhere Verluste.

Offen kann Ringier nicht als Hausherr der einstigen «Raurach»-Konzession auftreten. Denn konzessionsrechtlich dürfen lediglich zwei Sender dem gleichen Eigentümer gehören. Die Verträge sind deshalb so abgefasst, dass «Radio Energy Basel», wie der Sender nun seit 2012 heisst, mehrheitlich weiterhin Karlheinz Kögel gehört, der auch als Verwaltungsratspräsident amtiert. Doch faktisch ist das Radio fester Bestandteil der aus Zürich geführten Radiokette.

Der Aufschrei hat sich in Grenzen gehalten. Wer sollte sich auch empören können? – Zu viele waren in den vergangenen dreissig Jahren selbst in der einen oder anderen Form an undurchsichtigen Transaktionen beteiligt. «Radio Raurach» ist deshalb Geschichte. Oder wie Robert Bösiger schreibt: «Das Baselbieter Radio lebt weiter – zwischen Buchdeckeln».