Welche Eltern wünschen sich nicht, dass ihre Kinder hochbegabt sind? Keine Schulprobleme, keine stundenlange Hilfestellung bei den Aufgaben, keine Krisengespräche mit den Lehrern, so die Vorstellung von den Vorteilen.

Dass ein hochbegabtes Kind aber auch eine Familie an den Rand der Belastbarkeit bringen kann, zeigt der Fall der heute achteinhalbjährigen Nora* aus Liestal. Ihre Mutter Regula Rätz erzählt der bz deren Geschichte und belegt sie mit Akten.

Der Grund: «Oft fühlten sich mein Mann und ich ohnmächtig gegenüber den Behörden, und wir haben eine grosse Wut im Bauch. Wir wollen andere Eltern ermutigen, für ihre Kinder zu kämpfen.» Denn rund um hochbegabte Kinder bestünden Lücken und Unwissen im Schulsystem.

Nora fällt schon als dreijähriges Mädchen mit Ticks und Zwängen auf. So ist ihr zum Beispiel wichtig, dass der linke und rechte Socken immer genau gleich weit hochgezogen sind. Der zugezogenen Psychiaterin fällt sofort die rasche Auffassungsgabe des Kindes auf. Sie vermutet eine Hochbegabung.

Mit fünf Jahren zieht Nora mit ihren Eltern für eineinhalb Jahre in die USA und besucht dort eine Montessori-Schule. Deren Philosophie, jedes Kind individuell zu fördern, ohne das Gemeinsame zu vernachlässigen, habe Nora behagt, erzählt ihre Mutter.

Langweilig und ausgeschlossen

Pünktlich zur Einschulung zurück in Liestal, kann Nora rechnen, schreiben und liest ganze Bücher. Keinesfalls will sie aber, dass man die Lehrerin darüber informiert, denn sie will als ganz normales Mädchen in den Schulalltag starten. Doch der Lehrerin entgeht nicht, dass sich Nora zunehmend langweilt im Unterricht, und sie empfiehlt nach ein paar Wochen, das Mädchen auf Hochbegabung abzuklären und in die zweite Klasse zu versetzen.

Der Schulpsychologische Dienst (SPD) diagnostiziert eine Hochbegabung über alle Bereiche und einen Intelligenzquotienten von 132. Nora wechselt im Spätherbst 2013 in die zweite Klasse ... und langweilt sich nach drei Monaten schon wieder.

Dazu kommen beim in sozialen Belangen eher unterentwickelten Kind Probleme mit den Klassenkameraden. Regula Rätz erinnert sich: «Nora wurde von den andern Kindern ausgeschlossen, weil sie in allen Fächern besser war. Sie hat damals ihre Lebensfreude verloren und ist zu Hause zunehmend aggressiv geworden.» Letzteres nicht nur gegen die andern Familienmitglieder – Nora hat noch zwei jüngere Geschwister –, sondern auch gegen sich selbst.

Klassenlehrer alarmiert

Als Nora in der Schule wegen Durchfall und Bauchweh dauernd auf die Toilette gehen muss, ist auch ihr Klassenlehrer alarmiert. Bisher war das Mädchen nur aufgefallen, weil es weinend und in Begleitung eines Elternteils in die Schule kam; dort beruhigte es sich aber relativ schnell. Erneut wird der SPD eingeschaltet. Die Schulpsychologin empfiehlt Förderunterricht in Form des sogenannten Pull-out, bei dem jeweils an einem Morgen pro Woche alle hochbegabten Liestaler Primarschüler gemeinsam Spezial-Unterricht erhalten.

Doch Nora weigert sich nach dem ersten Besuch ganz, in die Schule zu gehen. «Die Situation wurde hochdramatisch. Nora drohte, sich zu verletzen und sich aus dem Fenster zu stürzen. Ein gemeinsames Essen zu Hause war nicht mehr möglich, weil Nora sehr aggressiv war. Wir hatten über Monate null Familienleben», schildert ihre Mutter jene belastende Zeit im Frühling 2014.

Die Kinderärztin schreibt Nora krank, und ihre Eltern suchen nach einer schulischen Alternative. Eine Psychologin der Beratungsstelle für Hochbegabte namens «geist-reich» hält schriftlich fest: «Das Wohlbefinden des Kindes ist seit einigen Monaten nicht wiederhergestellt. Ich halte deshalb den Wechsel in eine Privatschule, die auf Noras Bedürfnis nach dichten Aufgaben und weitgehend selbstgesteuertem Arbeiten in kleinen Lerngruppen angemessen reagieren kann, für eine gesunde Weiterentwicklung unabdingbar.»

Im Vordergrund steht die kleine Privatschule Academia International School in Basel. Am 13. Mai 2014 kommt es zur Krisensitzung mit allen Involvierten – und zum Riss: Noras Kinderärztin, ihre Psychiaterin sowie die Vertreterin des SPD stützen die Eltern bei ihrem Vorhaben, das Mädchen an die Academia zu schicken.

Die Vertreter der Liestaler Schulleitung und des Amts für Volksschulen wollen stattdessen, dass Nora probeweise eine andere zweite Klasse mit nur zehn Schülern besucht. Zudem soll Nora weiterhin Begabungsförderung und spätestens nach den Sommerferien wöchentlich bis zu neun Stunden sozialpädagogische Begleitung erhalten. Im Falle einer Eskalation der Situation blüht Nora, in die Psychiatrie eingewiesen zu werden. Die Eltern können diesem erneuten Versuch nichts abgewinnen, weil ihnen das Risiko eines Scheiterns zu hoch erscheint. Dies auch, weil ein Grossteil besagter Klasse mindestens zwei Jahre älter als Nora ist, und nur zwei Mädchen in dieser Klasse sind.

Vor Gericht abgeblitzt

Die Eltern Rätz schicken ihre Tochter nun seit über einem Jahr in die Academia und haben diesen Schritt bis heute nie bereut. Allerdings kostet sie dies jährlich 20'000 Franken, was sie sich nur dank eines Erb-Vorbezugs leisten können. Denn das Amt für Volksschulen hat eine Kostenbeteiligung abgelehnt und wurde dabei auf Rätz’ Rekurs hin sowohl vom Regierungsrat wie vom Kantonsgericht gestützt. Dies mit dem Hauptargument, dass zuerst alle Möglichkeiten der öffentlichen Schule ausgeschöpft werden müssten, bevor der Staat für privaten Schulunterricht zahlungspflichtig wird.

Und auch sonst herrscht nicht einfach Normalbetrieb, selbst wenn Regula Rätz sagt: «Wir haben immer versucht, unserer Tochter eine möglichst normale Kindheit zu ermöglichen.» Denn der Kopfmensch Nora hat weiterhin soziale und emotionale Defizite. Kein Wunder sagte Nora einst, als ihre Mutter ihr die Hochbegabung als ein Geschenk beschrieb: «Ich möchte dieses Geschenk wieder zurückgeben.»

*Vorname auf Wunsch der Mutter geändert. Lesen Sie in der bz von morgen Donnerstag, was die Liestaler Schulleitung zum Fall Nora sagt.