Der Bio-Landwirt und unverwüstliche Fussball-Veteran sagt es mit entwaffnender Ehrlichkeit: Einen eigenständigen Entschluss zu fassen, halte er für beinahe unmöglich. Er sei als Laie auf den Rat von Fachleuten angewiesen. Dumm nur, dass sich die Experten komplett widersprechen. Also fällt der Gute einen «rein pragmatischen» Entscheid. Da es die Regierung beantragt und andere Kantone es auch schon machen, werde er für die zwei Millionen Franken stimmen, die das Ganze kostet.

Das Projekt, das den Landrat aus dem Oberbaselbiet in solche protokollarisch verbürgten Nöte stürzte, war die Einführung eines freiwilligen Früherfassungsprogramms für Brustkrebs, das interessierten Frauen zwischen 50 und 70 Jahren eine kostenlose Untersuchung, ein sogenanntes Mammografie-Screening, ermöglichen sollte. Aktuell erhalten Frauen in Baselland eine Untersuchung nur von der Krankenkasse bezahlt, wenn sie von einem Gynäkologen verordnet wird. In der Landrats-Kommission widersprachen sich aber die beiden Ärzte, die als Spezialisten eingeladen waren, bezüglich der Wirksamkeit. Während der eine die Vorteile der Früherkennung kleiner Tumore pries, die mit einem simplen Eingriff und ohne schwerwiegende Folgebehandlungen entfernt werden könnten, warnte der andere davor, dass in der Statistik von 1000 früh untersuchten Frauen nur bei einer bösartiger Brustkrebs rechtzeitig erkannt werde. Dafür wird aber bei rund 100 Frauen eine Fehldiagnose gestellt. Unter dem Strich gebe es keine Hinweise auf eine tiefere Krebssterblichkeit in jenen Ländern, die ähnliche Programme bereits anwenden.

Sternstunde des Parlaments

Es wird ein Geheimnis bleiben, aus welchen Gründen das Baselbieter Parlament vorgestern die Einführung des Vorsorgeprogramms tatsächlich ablehnte. Vielleicht waren es doch die Kosten, die abschreckten, obschon alle betonten, dass diese in einer solchen Frage keine Rolle spielen dürften. Egal, es war ein zumindest sehr mutiger Entscheid. Einige Beobachter waren sogar der Meinung, dass die sachliche Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern eine Sternstunde des sonst oft und viel – und oft zurecht – gescholtenen Landrats gewesen sei. Selbst der kritische Arzt hatte in der Kommissionsberatung bekannt, dass er als Politiker aus lauter Vorsicht wohl eher für das Programm stimmen würde: Denn keiner will sich dem Risiko aussetzen, später einmal für den Krebstod einer Frau verantwortlich gemacht zu werden.

Aber war die Ablehnung auch der richtige Entscheid? Wir wissen es schlicht nicht. Wer weiss schon genau, was stärker zählt: eine gerettete Patientin – oder hundert falsch behandelte? Oder was bei der Deponiesanierung Feldreben der richtige Weg ist? Gerade darum ist dieser Fall ein so gutes Beispiel, wie die Demokratie in Zeiten der überhandnehmenden Stammtischpolitik auch funktionieren könnte: mit dem Mut, Nein zu sagen, und der Bereitschaft von Milizparlamenten, mehr Verantwortung selber zu tragen. Gerade in jenen Fällen, in denen man sich auf keinen Experten verlassen kann.

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