Es ist der 15. April 1989, als die Fussballwelt auf einmal still steht. Bei einer unglaublichen Tragödie kommen 96 Fans ums Leben, als sie ihren geliebten FC Liverpool im Halbfinale des FA Cups unterstützen wollen. Bereits nach sechs Minuten wird der Traum vom Finaleinzug zum wohl grössten Albtraum in der Geschichte des Traditionsvereins.

Solche Momente lassen die ganze Welt aufhorchen, nicht nur die Fussballliebhaber. Sonst bekennenden Anti-Fussballern läuft ein kalter Schauer den Rücken hinunter. In diesen Momenten stellt sich die Frage: Was macht den Fussball so faszinierend? Weshalb lassen manche Menschen für die Liebe zum Verein gar ihr Leben?

Reliquien-Kult auch im Fussball

Auf dieser Ebene spielt für viele Fans der sakrale Aspekt mit. Fussball als Ersatzreligion. Früher gingen Familien am Sonntagmorgen um 10 Uhr in die Kirche, heute besuchen sie in Deutschland beispielsweise jeden Samstag um 15.30 ein Spiel der Bundesliga. Der Fussball gibt eine klare Wochenstruktur vor, wie sie früher von der Religion vorgegeben wurde.

«Zwischen dem Fussball und der Religion gibt es eine Vermischung», erklärt Margret Ribbert, Kuratorin des Historischen Museums Basel, im Rahmen eines Podiums am Sonntagnachmittag. Ribbert nimmt die Wechselwirkung von Religion und Fussball auch in einer Ausstellung auf, die bald in Basel unter dem Namen «Fussball – eine Glaubenssache» stattfinden wird.

Für eine gewisse Verbindung spricht die Tatsache, dass sowohl Fussball als auch Religion Vorbilder liefern, die – teils auch auf bizarre Art – verehrt werden. Neben der Verehrung der Idole kommt noch der Reliquien-Kult ins Spiel. Waren es früher sakrale Gegenstände, die gesammelt wurden, horten Fans heute beispielsweise Teile des «heiligen Rasens», wie das Grün des Vereinsstadions oft genannt wird.

«Für viele Menschen ist der Fussball sinnstiftend im Leben. In dieser Funktion hat der Sport sowohl religiöse als auch eskapistische Aspekte», sagt Ribbert und fügt an: «Die Liebe zum Lieblingsverein währt länger, als heute durchschnittlich eine Beziehung andauert.»

Globale Strahlkraft

Fussball als Religionsersatz – die These von Ribbert lässt Fragen offen. Weshalb Fussball und nicht eine andere Sportart? Dafür hat Oliver Fraude, ebenfalls Podiumsteilnehmer, eine Antwort: «Fussball ist vielleicht nicht überall die Sportart Nummer eins. In Amerika ist das American Football, in Asien Cricket. Nichtsdestotrotz wird Fussball, global betrachtet, am häufigsten ausgeübt.»

Dabei beschränkt sich der Fussball nicht auf einzelne Kontinente, wie die eben genannten Sportarten, sondern ist ein weltweites Phänomen. Auf der ganzen Welt jagen zirka 270 Millionen Frauen und Männer regelmässig dem runden Leder nach. Davon gehört nur ein Bruchteil zum erlauchten Kreis, der ab dem 12. Juni wieder um den goldenen Pokal des Weltmeisters kämpft. Den grössten Teil machen die Amateure, die Kinder und die Jugendlichen aus.

Dass es der Fussball auch in der breiten Masse in die Herzen der Menschen geschafft hat, ist seiner Simplizität und Anpassungsfähigkeit zu verdanken. An jedem Ort – sei es nun im Wembley-Stadion in London oder auf einem Platz in einem Dorf in Afrika – mit einer anpassbaren Anzahl Spieler und einer Herunterbrechung der Regeln wie zum Beispiel dem Verzicht auf die Abseitsregel funktioniert und fasziniert der Sport immer noch.

Am Dienstag jährt sich das Hillsborough-Desaster zum 25. Mal. Die Nachwehen sind noch immer spürbar. Selbst gegnerische Fans bekommen Gänsehaut, wenn sie in Liverpool vor dem Memorial stehen. In diesen Momenten der leisen Memorialkultur hat der Fussball seine grösste Strahlkraft. Ein Phänomen, das unerklärbar scheint. Diese Unerklärbarkeit und die Unberechenbarkeit der Zufälle gepaart mit den dramatischen Effekten, die den Fussball auf und neben dem Platz prägen, machen diese Sportart so faszinierend.