Die junge Frau stellt sich breitbeinig und mit geballten Fäusten vor das Mikrofon. «Ich bin stolz darauf, dass es vor 50 Jahren so mutige Frauen gab, die für unser Recht gekämpft haben. Ich hoffe, dass ich in den nächsten 50 Jahren ein Teil weiterer wunderbarer Veränderungen sein kann.» Diese Botschaft hallte vorgestern an der Jubiläumsfeier «50 Jahre Frauenstimmrecht Kanton Basel-Landschaft» in Endlosschlaufe durch das Amphitheater in Augusta Raurica. Die Aussage ist stark. Sie erinnert aber auch an eine Zeit, als es noch nicht selbstverständlich war, dass Frauen im Kanton Baselland an die Urne gehen oder gar ein politisches Amt besetzen dürfen. An eine Zeit vor 1968.

Das erste Mal sichtbar wird der Kampf um das Stimm- und Wahlrecht für Frauen im Kanton Basel-Landschaft 1862. Mutige Sissacherinnen tun sich zusammen und stehen für ihre Rechte ein. «Gehören wir nicht auch zum Volk?», konfrontieren sie die Öffentlichkeit. Nein, gibt diese deutlich zurück. Drei Mal wird das Frauenstimmrecht auf kantonaler Ebene klar abgelehnt, wie Unterlagen des Staatsarchiv Baselland belegen. Zum ersten Mal 1926, dann 1946 und schliesslich noch 1955.

Ein Video der Gleichstellung für Frauen und Männer Kanton Basel-Landschaft zeigt den steinigen Weg bis zum Frauenstimmrecht.

1957 wird die erste Ausnahme gemacht. Bei einer Abstimmung zum Einbezug der Frauen in den Zivilschutzdienst denken sich fünf Schweizer Gemeinden: Da sollen Frauen auch mitbestimmen dürfen. Sie lassen also bei dieser einen Abstimmung auch Frauen an die Urne. Unter den fünf Gemeinden ist der Baselbieter Ort Niederdorf.

Empörung an der Jubiläumsfeier

Vom definitiven Frauenstimmrecht ist Baselland aber noch weit entfernt. Das zeigte auch Regierungsrat Anton Lauber in einer Rede auf, die er zur Feier des Jubiläums hielt. Er las aus einem Interview, das ein Mann 1963 gab, folgendes vor: «Wenn wir uns auseinanderstimmen, hat es keinen grossen Wert. Wir sollten schon gleicher Meinung sein», sagte der Herr über den Gedanken, seine Frau könnte abstimmen gehen. Die etwa zweihundert Anwesenden riefen empört aus, lachten über die abwegige Antwort oder schauten leicht geschockt.
Erst drei Jahre nach diesem Interview ändert sich grundlegend etwas. Mit 8 321 zu 6 210 Stimmen wird die «Verfassungsrevision zur Ermöglichung der stufenweisen Einführung des Frauenstimmrechts» angenommen. Der erste Schritt ist getan. Bei einer weiteren Abstimmung 1967 wird der Ergänzung der Staatsverfassung zugestimmt.

Am 23. Juni 1968, also heute vor 50 Jahren, kommt dann schliesslich der grosse Moment: Nicht nur das Frauenstimmrecht, sondern auch das Frauenwahlrecht werden angenommen. Baselland ist nach Basel-Stadt somit der zweite deutschsprachige Kanton, der dem Frauenstimm- und wahlrecht zustimmt.

«Die Zeit dafür war reif», sagt Regula Nebiker, Staatsarchivarin. Sie sieht zwei Gründe für die Annahme des Rechtes. Zum einen stand zu dieser Zeit die Idee der Wiedervereinigung der Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt im Raum. Viele Frauen zeigten sich dem gegenüber skeptisch. Deshalb stimmten auch konservative Männer dem Frauenstimmrecht zu, in der Hoffnung, dies würde die Wiedervereinigung verhindern. Der viel wichtigere Punkt sei jedoch ein anderer, so Nebiker. «Der Kanton Baselland hatte zu dieser Zeit einen enormen Wachstumsschub.» Dadurch fand auch eine gesellschaftliche Veränderung statt, sie wurde modernisiert.

Heute ist undenkbar, dass Frauen einmal nicht wählen durften. Auch Regierungsrätin Monica Gschwind betonte das in ihrer Rede bei der Jubiläumsfeier. «Ich war erst fünf, als das Frauenstimmrecht eingeführt wurde. Ich kenne nichts anderes, es ist selbstverständlich für mich», sagte die Regierungsrätin. Auch bei einer Podiumsdiskussion zwischen zwei Frauen unterschiedlicher Generationen wurde klar: Es hat sich viel getan. Die ältere Dame sprach von Zeiten, als sie noch nicht wählen durfte und nur mit ihrem Mann über Politik diskutierte. Für die junge Maturandin unvorstellbar. Sie beide waren sich einig, dass die Frauen auch in Zukunft weiterkämpfen müssen.

Nach den Reden, der Diskussion und musikalischen Beiträgen, werden die Lautsprecher wieder eingeschaltet. Die Botschaft der jungen Frau klingt abermals durchs Theater und begleitet die Besucherinnen und Besucher auf dem Heimweg.